Erst gesehen werden, dann lernen

Was ein Kind am ersten Schultag wirklich braucht, hat selten mit dem Stundenplan zu tun. Ein Text zum Schulbeginn an der Zeltgasse – über Spiegelneuronen und Vorbilder, die Frage nach den drei Glücksmomenten des Tages und eine Gute-Nacht-Geschichte, die es vorher noch nie gegeben hat.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
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Kinder schauen zu, bevor sie zuhören

Am 7. September, um neun Uhr morgens, steht wieder ein ganzes Haus voller Kinder in der Zeltgasse. Manche zum ersten Mal, manche schon zum vierten. Die einen lassen zum allerersten Mal überhaupt eine Hand los. Die anderen kennen unsere Stiegen im Schlaf – und haben trotzdem, für ein paar Minuten, dieses ganz bestimmte Kribbeln im Bauch. Beide schauen in diesem Moment auf uns. Und beide schauen genauer hin, als wir glauben.

Das Organisatorische der nächsten Wochen finden Sie wie gewohnt in WiBi. Was hier zählt, entscheidet sich selten am Stundenplan.

An der Zeltgasse gilt ein einfacher Satz: kein Wissen ohne Verbindung. Ein Kind lernt nicht, weil ein Lehrplan es verlangt. Es lernt, weil ihm jemand wichtig ist. Das gilt am ersten Schultag – und es gilt für das Kind, das schon die vierte Klasse betritt: Seine Beziehung zur Lehrerin muss nicht neu entstehen, nur neu bestätigt werden.

Aus dieser Verbindung heraus geschieht etwas, das die Hirnforschung seit den Neunzigerjahren benennen kann: Spiegelneuronen. Das Team um Giacomo Rizzolatti fand heraus, dass beim bloßen Zusehen dieselben Areale mitschwingen, die beim eigenen Tun aktiv wären. Wir ahmen nicht bewusst nach – wir spielen innerlich mit, noch bevor wir verstanden haben, was wir da sehen.

Wer selbst liest, mit der Hand schreibt, zeichnet oder werkt, muss sein Kind kaum überzeugen. Es hat es ja gesehen. Sie selbst am Küchentisch mit einem Brief, Sie selbst mit einem Buch auf dem Sofa – das bleibt, wo jede Erklärung verpufft. Es braucht dafür nicht mehr als einen Abend in der Woche, an dem das Handy in der Schublade bleibt und stattdessen ein Buch, ein Stift, ein Blatt Papier den Tisch besetzen.

Ihr Kind schaut zu. Es schaut immer zu.


Ein Kind, das in diesen Wochen ankommen darf, statt funktionieren zu müssen, hat schon das Wichtigste gelernt. Und statt nachmittags zu fragen, wie der Tag war – eine Frage, die öfter zu einem Schulterzucken führt als zu einem Gespräch –, könnte am Esstisch eine andere Runde gehen: Was waren heute die drei Glücksmomente, für jeden, auch für Sie selbst? Nach ein paar Wochen werden die Kinder schon darauf warten, ihre drei Momente erzählen zu dürfen.


Ein kleiner Vorschlag zum Schluss:

Erzählen Sie Ihrem Kind einmal in der Woche, beim Zubettgehen, eine Geschichte, die es noch nie gehört hat – weil es sie noch nie gegeben hat, weil sie nur für dieses eine Kind erfunden wurde. Mit seinem Namen darin. Seinem Schulweg zur Zeltgasse. Seiner Lieblingsfigur. Vielleicht sogar mit dem, was es gerade beschäftigt, ganz behutsam eingewoben, nie als Lektion, nur als Teil der Geschichte.

Eine KI schreibt sie in Sekunden, wenn man ihr sagt, wer dazugehört – ob ein Elternteil, zwei, die Oma, die Freizeitpädagogin, wer auch immer für Ihr Kind gerade zählt. Zum Beispiel so:

Schreibe ein kurzes, warmherziges Gute-Nacht-Märchen für [Name des Kindes], [Alter] Jahre alt. Die Geschichte beginnt auf dem Schulweg zur Zeltgasse-Schule in Wien oder knüpft daran an. Es kommen vor: [Name des Kindes] sowie [wer sonst dazugehört – ein Elternteil, beide Eltern, Oma, Opa, die Lehrerin oder Lehrer, die Freizeitpädagogin] und [Lieblingsmärchenfigur oder Fantasiewesen des Kindes]. Optional, ganz behutsam eingewoben, nie als Lektion: [was das Kind gerade beschäftigt, zum Beispiel Aufregung vor dem ersten Schultag oder ein neuer Freund]. Ton: leicht, fantasievoll, sanft humorvoll. Kurze, bildhafte Sätze, maximal vier Minuten zum Vorlesen. Ein rundum glückliches, beruhigendes Ende zum Einschlafen. Auf Deutsch, im Ton eines liebevollen Gutenachtgeschichten-Erzählers.

„Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen, die sich über die Dinge ziehn“, schrieb Rilke.
Am 7. September zieht Ihr Kind einen neuen Ring – um die Zeltgasse, um seine Klasse, um alles, was in diesem Jahr noch werden will.

Wir ziehen mit.

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