Du oder Sie? Über Anrede, Nähe und das, was Schule wirklich trägt

Eine weitere Frage darüber, wie Schule funktioniert. Über Vertrauen, Nähe und das, was eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagog:innen wirklich trägt. Ein Text, der keine Antwort vorschreibt — sondern einen Diskurs eröffnet.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
Bild & Co.
Warum wir Bilder verwenden
Zwei Kaffeetassen auf einem hellen Holztisch, eine mit einem rosafarbenen Henkel, zwei Tassen nebeneinander, umgeben von sanften Farbschattierungen.


Es gibt diesen Moment beim KEL-Gespräch:

Eine Mutter sitzt auf den kleinen Holzstühlen im Klassenraum. Sie bringt vielleicht eine leise Anspannung mit — eigene Erlebnisse aus der Schulzeit, die Ansprüche an das eigene Kind, den Wunsch, hier bei uns im 8. Bezirk alles richtig zu machen. Und dann streckt die Lehrerin die Hand aus und sagt einfach: „Ich bin die Ronja. Setz dich zu mir.“ Nicht Frau Lehrerin. Nicht Frau Müller. Einfach Ronja.

In diesem Augenblick passiert etwas. Aber heißt das automatisch, dass das „Du“ alle Schranken einreißt? Nicht unbedingt.

Die offene Holztür lässt Sonnenlicht in den Raum strömen. An der Wand hängt eine orangefarbene Jacke.

Die Frage nach der passenden Anrede klingt auf den ersten Blick wie eine Formalie, berührt aber etwas Grundsätzliches: Sprache baut Beziehung auf, noch bevor es um Entwicklungsziele oder Lehrpläne geht. Mit der Anrede verhandeln wir jedes Mal neu, wie viel Nähe guttut und wie viel Distanz Klarheit gibt.


An der OVS Zeltgasse machen wir daraus keine Grundsatzdebatte. Bei uns gilt ganz bewusst: Alles darf fließen. Es gibt kein Schulhausreglement, das ein Du anordnet oder ein Sie verbietet. Manche Kolleginnen duzen Eltern vom ersten Tag an, weil sich das für sie ehrlich anspürt. Andere wählen bewusst das respektvolle Sie. Und sehr oft entsteht das Du ganz von selbst — mitten im Schuljahr, bei einem kurzen Gespräch am Schulgang zwischen zwei Stunden.

Beides hat seinen Wert. Das deckt sich auch mit der Bildungsforschung: John Hattie hat in seinen Metastudien gezeigt, dass die Qualität der menschlichen Beziehung der stärkste Hebel für gelingendes Lernen ist. Und der Neurowissenschaftler Daniel Siegel beschreibt, dass Kinder wie ein feines Seismogramm auf die Stimmung der Erwachsenen um sie herum reagieren. Wenn Eltern und Pädagog:innen am Schulgang entspannt miteinander sprechen — ob mit Du oder Sie —, überträgt sich genau diese Ruhe auf die Kinder.

Zwei stilvolle Holzstühle stehen sich gegenüber in einem hellen Raum mit Holzfußboden.

Ich selbst bin heute meistens beim Du. Früher dachte ich ehrlich gesagt, ein Schulleiter braucht das Sie wie eine Rüstung. Heute weiß ich: Wer weiß, wer er ist, kann sich Nahbarkeit leisten.


Am Ende ist die Grammatik zweitrangig. Wer duzt, aber nicht wirklich zuhört, gewinnt gar nichts. Der Philosoph Martin Buber hat die menschliche Begegnung einmal in das schöne Bild von Ich-Du und Ich-Es gefasst: Wer dem anderen als Du begegnet, sieht das Gegenüber als ganzes Wesen — wer ihn als Es behandelt, sieht nur eine Funktion. Das funktioniert mit einem wertschätzenden Sie ganz genauso wie mit einem vertrauten Du.

Ein Junge mit lockigem, blondem Haar und einem orangefarbenen Hoodie steht mit dem Rücken zur Kamera in einem langen, hellen Flur.

Wie erleben Sie das bei uns am Schulgang? Tut Ihnen das unkomplizierte Du gut oder schätzen Sie den klaren Rahmen des Sie? Ich freue mich auf den Austausch mit Ihnen – und natürlich auch mit dir!


Peter Sykora ist Schulleiter der OVS Zeltgasse in der Wiener Josefstadt. Er schreibt diesen Beitrag nicht als Behörde, sondern als Mensch, der täglich sieht, wie viel gute Schule von gelebter Beziehung hängt.

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