Die Hand an der Decke
Tief in einer Höhle in Südfrankreich ziehen sich Linien über die Decke – mit Fingern in den weichen Lehm gezeichnet, vor rund 13.000 Jahren.
Lange hielt man sie für das Werk erwachsener Schamanen. Dann vermaßen Forscher die Breite der Fingerspuren. Viele stammen von Kindern, manche erst zwei Jahre alt.
Ein Zweijähriger reicht aber nicht an eine Höhlendecke. Also hat ihn jemand hochgehoben.
Dreizehntausend Jahre später
Ein Vormittag in der Zeltgasse.
Auf den Tischen liegt Zeitungspapier, darauf zerknitterte Bögen, eingefärbt wie alter Fels. Kinder tauchen ihre Hände in rotbraune Farbe und drücken sie aufs Papier. Daneben zeichnen sie Mammuts, Hirsche, Sonnen – mit derselben Selbstverständlichkeit wie ihre Vorfahren in der Höhle.

Niemand muss diesen Kindern erklären, warum sie das tun. Sie wissen es.
Wohin geht das eigentlich?
Hier wird es unbequem.
Fragen Sie einen Fünfjährigen, was man mit einer Gabel alles machen kann. Er hört nicht mehr auf!
Fragen Sie einen Erwachsenen – er sagt: essen.
Ein amerikanischer Kreativitätsforscher hat diesen Unterschied einmal in Zahlen gefasst. Die Zahlen sind umstritten, aber das Muster kennt jeder: Mit den Jahren wird die Fantasie leiser. Seine Erklärung ist der eigentliche Stachel. Kreativität verschwindet nicht, sie wird verlernt. Dort, wo es nur eine richtige Lösung gibt. Dort, wo man nachmalen soll, statt zu erfinden.
Dass es auch anders geht, zeigt ein großer Versuch in Houston. Dort entschied das Los, welche Schulen mehr Unterricht in Kunst, Design und Werken bekamen. Die Kinder dort schrieben danach besser, stritten seltener, fühlten stärker mit anderen mit und gingen lieber zur Schule.
Allerdings wirkt Kunst nicht von selbst. Ein Ausmalblatt bewirkt wenig. Wenn ein Kind aber etwas Eigenes schafft, verändert sich viel.
Wer die Kinder hochhebt
In der Zeltgasse hängt das Ergebnis nicht in Mappen, sondern im Haus. Um den Aufzug im Stiegenhaus ranken Papierlianen, jede Schlaufe einzeln geklebt. In der Vitrine sitzen Tukane, von denen keiner dem anderen gleicht. In der Werkstatt entstehen aus Holzresten und Schrauben kleine Roboter mit schiefem Lächeln.
Die Kinder gehen täglich an ihren eigenen Spuren vorbei. Das ist mehr als Dekoration. Es zeigt ihnen jeden Tag: Dieses Haus haben wir mitgemacht.

Möglich ist das, weil wir Kolleginnen und Kollegen haben, die genau verstehen, worum es geht:
Sie sehen in einem Karton ein Gesicht und in einem grünen Streifen einen Regenwald. Sie halten aus, dass eine Linie schief wird. Wenn ein Kind nicht weiterweiß, sagen sie ihm nicht, wie es richtig geht, sondern fragen, was es vorhat. Und sie schneiden selbst Papierstreifen, bis aus einem Stiegenhaus ein Dschungel geworden ist.

Wir sind wirklich dankbar, mit diesen Menschen „Schule zu machen“. Und uns fällt dabei die Höhle wieder ein.
Genau das ist unsere Aufgabe geblieben.
Zum Weiterlesen:
Die Kinder in der Höhle – University of Cambridge: „Prehistoric pre-school“ · Science News: „Children of Prehistory“
Die Houston-Studie – Bowen & Kisida: „Investigating the Causal Effects of Arts Education“
Wie Kunst wirkt – OECD: „Art for Art’s Sake?“ (PDF)
Die Sache mit der Gabel – George Land: „The Failure of Success“ (TEDx-Vortrag)