Du oder Sie? Über Anrede, Nähe und das, was Schule wirklich trägt

Eine weitere Frage darüber, wie Schule funktioniert. Über Vertrauen, Nähe und das, was eine Zusammenarbeit zwischen Eltern und Pädagog:innen wirklich trägt. Ein Text, der keine Antwort vorschreibt — sondern einen Diskurs eröffnet.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
Bild & Co.
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Zwei Kaffeetassen auf einem hellen Holztisch, eine mit einem rosafarbenen Henkel, zwei Tassen nebeneinander, umgeben von sanften Farbschattierungen.

Es gibt diesen Moment, der manchmal in der Schule passiert — still, fast unmerklich.

Eine Mutter, die zum ersten Elternsprechtag kommt, ein bisschen ängstlich vielleicht, weil sie selbst keine guten Erinnerungen an Schule hat. Und dann streckt jemand die Hand
aus und sagt: „Ich bin die Ronja. Setz dich einfach.“ Nicht Frau Lehrerin.
Nicht Frau Müller. Einfach: Ich bin die Ronja.

Manchmal verändert sich dadurch etwas im Raum. Manchmal auch nicht.
Manchmal braucht es die förmlichere Distanz — weil sie schützt, weil sie hält, weil sie das Gespräch erst möglich macht.


Die Frage, ob man sich in der Schule duzt oder siezt, klingt nach Kleinkram.
Sie ist es nicht.

Auf einer offenen Seite eines Notizbuchs stehen die Worte "Du" und "Sie" in künstlerischer Schrift, daneben liegt ein Füller auf dem Tisch.

Sprache ist keine neutrale Hülle für Gedanken.
Sie ist die Beziehung, bevor die Beziehung begonnen hat.
Linguisten nennen das Proximität — die soziale Nähe, die eine Anredeform signalisiert.
Das Deutsche zwingt uns, bei jedem Gespräch eine Grundsatzentscheidung zu treffen.
Du oder Sie. Nähe oder Distanz. Gleichrangigkeit oder Hierarchie.

Penelope Brown und Stephen Levinson haben in den 1970er Jahren beschrieben, was sie positive politeness nennen: die sprachlichen Signale, mit denen wir zeigen, dass wir jemanden als zugehörig erleben. Das Du gehört dazu.
Es sagt: Du musst hier keine Rolle spielen.

 

Autorität entsteht nicht durch formellen Abstand.
Sie entsteht durch Präsenz —
durch das, was Haim Omer ankernde Präsenz genannt hat: ruhig, verlässlich, nicht wegzudrängen.

Was dabei selten gesagt wird, aber die Forschung immer wieder zeigt:
Kinder nehmen das Klima zwischen den Erwachsenen wie ein feines Seismogramm wahr.

Daniel Siegel spricht von co-regulation:
Kinder regulieren sich über die emotionale Verfassung der Erwachsenen, die sie umgeben.
Wenn Eltern und Lehrpersonen entspannt miteinander sprechen, überträgt sich diese Entspanntheit.
Wenn die Beziehung zwischen Schule und Elternhaus angespannt ist — merken Kinder das.
Und sie interpretieren es, wie Kinder eben interpretieren: als etwas, das mit ihnen zu tun hat.

Das ist kein Drama. Es ist ein Hinweis.

Darauf, dass das, wie Erwachsene miteinander reden, nicht Privatsache ist — sondern Schulkultur.

Ein Junge mit lockigem, blondem Haar und einem orangefarbenen Hoodie steht mit dem Rücken zur Kamera in einem langen, hellen Flur.

Schulen, in denen Eltern nicht als notwendiges Übel behandelt werden, sondern als Partner, erzielen bessere Ergebnisse.
Nicht weil Eltern besser erziehen. Sondern weil Kinder das spüren.
John Hattie hat in seiner Meta-Analyse gezeigt, dass die Beziehungsqualität einer der stärksten Lernfaktoren überhaupt ist.

Das Du oder Sie ist manchmal nur der erste Schritt.
Ein Signal, das sagt: Hier wird niemand abgefertigt.
Aber es ist eben nur un Signal.

Wer duzt und gleichzeitig nicht zuhört, hat nichts gewonnen.

Die offene Holztür lässt Sonnenlicht in den Raum strömen. An der Wand hängt eine orangefarbene Jacke.

An der OVS Zeltgasse haben wir keine Vorschrift darüber.
Es gibt kein Schulhausreglement, das das Du anordnet oder verbietet.
Was wir haben, ist eine Haltung. Manche Kolleginnen duzen Eltern von Anfang an.
Manche nicht. Manchmal passiert das Du nach einem langen Gespräch — einfach so, weil der Moment es trägt.

Ich selbst bin oft beim Du.
Nicht weil mir Etikette nichts bedeutet — sondern weil ich weiß, was meine Arbeit trägt. Und das ist nicht die Anrede.

Es ist die Verlässlichkeit dahinter, die Klarheit, die Haltung.

Früher dachte ich, ein Direktor braucht das Sie als Rüstung. Heute weiß ich: Wer weiß, wer er ist, kann es sich leisten, einfach Mensch zu sein. Und das gilt für das Du genauso wie für das respektvolle Sie.

 

„Kinder regulieren sich über die emotionale Verfassung der Erwachsenen, die sie umgeben.“


Daniel Siegel · Interpersonelle Neurobiologie

Zwei stilvolle Holzstühle stehen sich gegenüber in einem hellen Raum mit Holzfußboden.

Der Theologe Martin Buber hat das Verhältnis zwischen Menschen einmal in einem einzigen Gegensatz beschrieben:
Ich-Du und Ich-Es.

Wer mich als Du anspricht, sieht mich als Wesen.
Wer mich als Es behandelt, sieht eine Funktion.
Was uns in der Schule trägt, hat nichts mit der Grammatik zu tun. Es hat damit zu tun, ob wir einander wirklich begegnen.


Haben Sie Gedanken dazu?

Erleben Sie das ähnlich — oder ganz anders? Wir freuen uns auf den Austausch.

Peter Sykora ist Schulleiter der Schule.
Er schreibt diesen Artikel nicht als Direktor — sondern als Mensch, der täglich erlebt, wie viel Schule von dem abhängt, was zwischen Erwachsenen passiert.

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