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Ein Plädoyer für die Kunst der Elternarbeit: Wie aus Begegnungen echte Verbündete für den Bildungsweg unserer Kinder werden.

Es ist Dienstag, kurz nach acht. Die erste Stunde läuft. Du stehst im Gang, einen Stapel Hefte in der Hand, und siehst, wie eine Mutter durch die Glastür winkt. Verzweifelt. Ihr Kind hat die Jause vergessen. Du nickst, öffnest, nimmst die Brotdose entgegen. Sie flüstert „Danke“ und „Tut mir leid“ gleichzeitig.
In diesem Moment spürst du es: Diese Mutter ist nicht deine Gegnerin. Sie ist erschöpft. Sie jongliert Job, Kind, Haushalt und den Anspruch, alles richtig zu machen. Und du? Du bist nicht ihre Richterin. Du bist ihre Verbündete.
Das unterschätzte Fach
Niemand hat uns das beigehoben. Nicht an der PH. Nicht im Praktikum. Vielleicht ein Seminar über „Gesprächsführung“ – drei Stunden, PowerPoint, Rollenspiel. Fertig.
Aber dann stehst du da: vor 25 Kindern und 50 Erwachsenen, die alle Erwartungen haben. Manche still. Manche laut. Manche berechtigt. Manche absurd.

Eltern sind keine Störfaktoren. Sie sind Ressourcen. Manchmal versteckte. Manchmal komplizierte. Aber immer da.
Die Vielfalt der Begegnung
Nicht alle Eltern sind gleich. Zum Glück. Das macht die Arbeit komplex – aber auch reich.
Unterschiedliche Kontaktformen sind keine Schwäche des Systems – sie sind die Stärke einer Schule, die Vielfalt ernst nimmt. Manche Eltern willst du per Du ansprechen. Andere bleiben beim Sie. Beides ist richtig. Solange die Haltung stimmt: Respekt. Augenhöhe. Präsenz.

Haim Omer, der Begründer der Neuen Autorität, beschreibt das so: „Präsenz bedeutet nicht Nähe um jeden Preis. Präsenz bedeutet: Ich bin da. Verlässlich. Auch wenn es schwierig wird.“
Das „Du“ schafft manchmal Nähe. Das „Sie“ schafft manchmal Raum. Beides ist Beziehung.
Die Brücke bauen
Wie gelingt Kooperation? Indem wir einander als das sehen, was wir sind: Menschen, die das Beste für Kinder wollen.
Ein paar Gedanken aus der Praxis:
- Transparenz schafft Vertrauen. Wenn Eltern verstehen, warum wir Dinge tun, werden aus Kritikern oft Unterstützer.
- Fehler zugeben ist Stärke. „Ich habe übersehen, dass Ihr Kind das nicht geschafft hat“ ist ehrlicher als jede Ausrede.
- Systemische Fragen öffnen Türen. „Was glauben Sie, braucht Ihr Kind gerade?“ macht Eltern zu Co-Forschern.
📍 Einblick in den Alltag
Per Du oder per Sie? Eine Frage der Haltung
In manchen Schulen ist das „Du“ selbstverständlich. In anderen undenkbar. An der OVS Zeltgasse gibt es beides. Und das ist gut so.

Das „Du“ kann Nähe schaffen. Das „Sie“ kann Professionalität unterstreichen. Die Frage ist nicht: Was ist richtig? Die Frage ist: Was passt zu dieser Beziehung?
Haltung schlägt Form. Ein respektvolles „Sie“ ist besser als ein kumpelhaftes „Du“, das keine echte Verbindung trägt. Entscheide bewusst. Frage notfalls. Das ist keine Schwäche. Das ist Respekt.
Die Kraft der kleinen Gesten
Elternarbeit passiert nicht nur in den großen Momenten. Sie passiert im Vorbeigehen. Im Lächeln am Schultor. Im kurzen „Ihr Kind hat heute etwas Tolles gemacht.“

John Gottman spricht von „emotional bids“ – kleinen Beziehungsangeboten. Jede positive Interaktion ist eine Einzahlung auf das Beziehungskonto. Wenn es dann einmal schwierig wird, kannst du darauf zurückgreifen.
Was wir an der Zeltgasse gelernt haben
💡 Hintergrund: Unsere Prinzipien
Eltern wollen teilhaben: Wir öffnen Türen durch Gespräche auf Augenhöhe statt trockener Vorträge.
Gemeinsame Expertise: Eltern kennen das Kind, wir kennen das Lernen. Zusammen sind wir unschlagbar.
Konflikte als Chance: Wir bleiben präsent und neugierig, statt in den Verteidigungsmodus zu gehen.
Der Anfang ist jetzt
Vielleicht stehst du gerade am Beginn deiner Karriere. Vielleicht bist du Freizeitpädagog:in und fragst dich, wie du mit Eltern umgehen sollst, die nach der Schule mit Fragen kommen. Vielleicht studierst du noch und denkst: „Das wird schwer.“
Ja. Es wird schwer. Aber nicht unmöglich.
Beginne klein. Lerne Namen. Nicht nur die der Kinder. Auch die der Eltern. Ein „Guten Morgen, Frau Berger“ wiegt mehr als hundert pädagogische Konzepte.
Höre zu. Wirklich. Ohne schon die Antwort im Kopf zu haben. Eltern spüren, ob du zuhörst oder nur wartest, bis du reden kannst.
Sei mutig. Ruf an. Nicht nur, wenn etwas schiefläuft. Auch, wenn etwas gut läuft. Diese drei Minuten verändern alles.
Und wenn du Angst hast? Wenn du denkst, du bist zu jung, zu unerfahren, zu unsicher? Das macht dich nicht schwächer. Das macht dich menschlich. Und genau das brauchen Eltern: keine perfekten Pädagog*innen. Sondern echte Menschen.

„Hinter jeder Sorge steckt Liebe. Hinter jeder Forderung steckt Hoffnung.“
Manchmal fühlt sich Elternarbeit an wie ein Drahtseilakt. Bis wir näher kommen. Bis wir erkennen: Hinter jeder Sorge steckt Liebe. Hinter jeder Frage steckt das tiefe Bedürfnis, das eigene Kind beschützt und gesehen zu wissen. Hinter jeder Unsicherheit – auf beiden Seiten – steckt der Wunsch, es richtig zu machen.
Genau darin liegt unsere Gemeinsamkeit.
Elternarbeit ist kein Zusatzfach. Sie ist das Fundament. Und an der OVS Zeltgasse wissen wir: Wenn Schule und Eltern zusammenarbeiten – wirklich zusammenarbeiten, auf Augenhöhe, mit Respekt und Mut – dann entsteht etwas, das größer ist als die Summe seiner Teile.
Dann entsteht Bildung, die trägt. Dann entsteht Schule, die bleibt. Dann entstehen Beziehungen, die Kinder wachsen lassen.