
📍 Einblick in den Alltag
Montagmorgen, 7:45 Uhr, Josefstadt. Eine Mutter ordnet zum dritten Mal die Haube ihres Sohnes. „Hast du die Jause? Und sag der Lehrerin, dass du gestern Halsweh hattest.“ Der Bub, sieben Jahre, nickt geduldig. Dreht sich um. Rennt los. Noch bevor er die Tür erreicht, ist die Haube wieder schief.
Sein Lachen hallt über den Hof. Die Mutter bleibt stehen. Lächelt. Und spürt trotzdem diesen Stich.
Habe ich genug getan?
Die Falle des Wissens
Noch nie wussten Eltern so viel über Kindererziehung. Und noch nie fühlten sich so viele dabei so unsicher. Podcasts liefern Expertenwissen im Minutentakt. Die sozialen Medien zeigen pausenlos, wie andere Familien es scheinbar besser machen: kreativer, bewusster, gelassener.
Die Pronova-BKK-Familienstudie 2025 belegt das Paradox: Heutige Eltern gewichten „Spaß haben“ doppelt so hoch wie „Erfolg haben“. Sie wollen loslassen. Aber viele von ihnen tragen eine Kindheit in sich, in der Aufmerksamkeit an Leistung gekoppelt war. Familienpsychologin Nina Grimm nennt die Spuren: Perfektionismus, überhöhte Selbstansprüche, ständiger innerer Druck.
Der Wunsch nach weniger Kontrolle kollidiert mit der Angst, nicht genug zu tun. Und diese Angst richtet sich nicht gegen die Kinder. Sie richtet sich für sie. Aus Liebe. Genau das macht sie so wirksam. Und so gefährlich.
Was Kinderhirne spüren
Die Hirnforschung ist hier unbequem: Kinder spüren die Angst ihrer Eltern. Körperlich. Wenn Sorge die Stimme einfärbt, wenn der Blick kontrolliert statt begleitet, feuert die Amygdala. Stresshormone fluten den kleinen Körper. Cortisol – der Feind des Lernens.
💡 Hintergrund: Die neuronale Wirkung von Sicherheit
Nicht zu wenig Fürsorge schadet Kindern. Zu viel kann es auch.
Kreisen ist keine Bosheit
Der Begriff „Helikoptereltern“ ist zum Schimpfwort geworden. Zu Unrecht. Dahinter steckt keine Bösartigkeit, sondern eine zutiefst menschliche Regung: die Angst, dem eigenen Kind könnte etwas fehlen.
Forschende der University of Minnesota und der Universität Zürich begleiteten über acht Jahre 422 Kinder. Das Ergebnis: Häufige Intervention im Spiel führte später zu Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation. Aber – und das ist entscheidend – warmherzige Eltern, die präsent waren, ohne zu kontrollieren, hatten emotional stabilere Kinder.
Haim Omer, Begründer der Neuen Autorität, nennt es „wachsame Sorge“. Da sein, ohne einzugreifen, solange kein echtes Risiko besteht. Dem Kind signalisieren: Ich sehe dich. Ich traue dir zu, dass du das schaffst. Das ist keine Gleichgültigkeit. Es ist Vertrauen, das Arbeit kostet.
Die Josefstadt-Falle
Im achten Bezirk leben Familien, die viel wissen, viel lesen, viel reflektieren. Das kulturelle Angebot ist reich, die Infrastruktur für Kinder exzellent. Keine sogenannte Brennpunktschule weit und breit. Und genau hier lauert etwas, das wenige benennen: Der Wohlstand an Möglichkeiten erzeugt einen Wohlstand an Sorgen.
Wenn theoretisch alles möglich ist – die bilinguale Privatschule, der Bildungscampus am anderen Ende der Stadt –, wird jede Entscheidung zur Schicksalsfrage. Was, wenn die öffentliche Schule nicht reicht?
Die Wahrheit: Im 8. Bezirk brauchen Kinder keine teure Privatschule. Sie brauchen Pädagoginnen und Pädagogen, die ihr Handwerk verstehen. Und Eltern, die diesen Profis vertrauen.
Schule als Gegengift
In der OVS Zeltgasse basiert unsere Arbeit auf einer einfachen, aber radikalen Überzeugung: Ein Kind muss nicht optimiert werden. Es muss wachsen dürfen.

Im Churer Modell und anderen offenen Lernformen wählen Kinder selbst, woran sie arbeiten, mit wem sie zusammensitzen, wie sie eine Aufgabe angehen – weil Selbstwirksamkeit einer der stärksten Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit ist. Carol Dweck hat gezeigt, dass Kinder mit einem „Growth Mindset“ widerstandsfähiger sind gegen Leistungsdruck und Versagensangst. In unseren Klassen sagen Pädagoginnen nicht immer: „Das hast du toll gemacht.“ Sie sagen auch: „Zeig mir, wie du das gelöst hast.“ Der Unterschied klingt klein. Er ist riesig.
⚠️ Hintergrund: Die Realität der Kapazitäten
Kein Schulgeld. Keine schulischen Auswahlverfahren. Keine weltanschaulichen Barrieren. Und dennoch: pädagogische Vielfalt als tägliche Praxis. Montessori-Prinzipien, KEL Gespräche, Pädagogische Abende, Churer Modell, Neue Autorität – nicht als Marketingversprechen, sondern als Handwerk. Das ist öffentliche Bildung, wie sie sein kann, wenn Menschen sich dafür einsetzen.
Ausreichend gut
Diese Zahlen sind Alarmsignale. Aber sie sind keine Schicksalsschläge. Kinder, die sich emotional unterstützt fühlen, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden. Die Schule, die Lehrkraft, die Eltern – sie können zum Schutzfaktor werden. Nicht durch mehr Kontrolle. Durch mehr Vertrauen.
Der Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte in den 1950er-Jahren einen Begriff, der aktueller ist als je zuvor: die good enough mother. Die „ausreichend gute Mutter“. Nicht die perfekte. Die ausreichend gute.
🏠 Ein Versprechen für die Josefstadt

— Rainer Maria Rilke
Das gilt für Kinder. Und für ihre Eltern.