Wenn Eltern mehr Angst haben als ihre Kinder

Über Perfektionismus, Kontrolle und die stille Kunst des Loslassens.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
Bild & Co.
Ein Kind und eine Erwachsene, silhouettiert gegen die Sonne, gehen durch ein leicht geöffnetes Tor. Um sie herum schweben herbstliche Blätter, die sanft zu Boden fallen, während die warmen Farben des Herbstes die Szenerie umrahmen.
Warum wir Bilder verwenden
⏱ Lesezeit: ca. 5 Minuten

Eine Mutter kniet sich im Regen nieder, um ihrem Sohn die Mütze aufzusetzen. Der Junge schaut überrascht und glücklich. Im Hintergrund erkennt man einen schüchternen jungen Mann, der die beiden beobachtet. Auf der rechten Seite läuft der Junge fröhlich, sein Gesicht strahlt vor Freude, während er im Regen nach Hause eilt.

📍 Einblick in den Alltag

Montagmorgen, 7:45 Uhr, Josefstadt. Eine Mutter ordnet zum dritten Mal die Haube ihres Sohnes. „Hast du die Jause? Und sag der Lehrerin, dass du gestern Halsweh hattest.“ Der Bub, sieben Jahre, nickt geduldig. Dreht sich um. Rennt los. Noch bevor er die Tür erreicht, ist die Haube wieder schief.

Sein Lachen hallt über den Hof. Die Mutter bleibt stehen. Lächelt. Und spürt trotzdem diesen Stich.

Habe ich genug getan?

 

Die Falle des Wissens

Eine stilisierte Figur sitzt auf einem hohen Stapel von Bücher, während sie ein Buch liest und einen Regenschirm hält. Der Hintergrund ist schlicht und verstärkt die Wirkung des Bildes.Noch nie wussten Eltern so viel über Kindererziehung. Und noch nie fühlten sich so viele dabei so unsicher. Podcasts liefern Expertenwissen im Minutentakt. Die sozialen Medien zeigen pausenlos, wie andere Familien es scheinbar besser machen: kreativer, bewusster, gelassener.

Die Pronova-BKK-Familienstudie 2025 belegt das Paradox: Heutige Eltern gewichten „Spaß haben“ doppelt so hoch wie „Erfolg haben“. Sie wollen loslassen. Aber viele von ihnen tragen eine Kindheit in sich, in der Aufmerksamkeit an Leistung gekoppelt war. Familienpsychologin Nina Grimm nennt die Spuren: Perfektionismus, überhöhte Selbstansprüche, ständiger innerer Druck.

Der Wunsch nach weniger Kontrolle kollidiert mit der Angst, nicht genug zu tun. Und diese Angst richtet sich nicht gegen die Kinder. Sie richtet sich für sie. Aus Liebe. Genau das macht sie so wirksam. Und so gefährlich.

 

Was Kinderhirne spüren

Die Hirnforschung ist hier unbequem: Kinder spüren die Angst ihrer Eltern. Körperlich. Wenn Sorge die Stimme einfärbt, wenn der Blick kontrolliert statt begleitet, feuert die Amygdala. Stresshormone fluten den kleinen Körper. Cortisol – der Feind des Lernens.

💡 Hintergrund: Die neuronale Wirkung von Sicherheit
Gerald Hüther hat es klar formuliert: Lernen gelingt nur in einem Zustand innerer Sicherheit. Wenn ein Kind spürt, dass es gehalten wird, dass Fehler keine Katastrophe sind – dann öffnen sich neuronale Netzwerke, dann wächst das Gehirn. Wenn die Botschaft aber lautet, und sei es zwischen den Zeilen: Du musst es schaffen – dann schließen sich dieselben Netzwerke. Das Kind funktioniert vielleicht noch. Aber es lernt nicht mehr.

Nicht zu wenig Fürsorge schadet Kindern. Zu viel kann es auch.

 

Kreisen ist keine Bosheit

Eine kleine, zentral stehende Figur mit ausgestreckten Armen steht auf einer schmalen Linie, während zwei große Hände von unten im Bild sichtbar sind, die nach ihr greifen. Der Hintergrund ist schlicht und weiß, was die Einsamkeit und das Streben nach Verbindung betont.Der Begriff „Helikoptereltern“ ist zum Schimpfwort geworden. Zu Unrecht. Dahinter steckt keine Bösartigkeit, sondern eine zutiefst menschliche Regung: die Angst, dem eigenen Kind könnte etwas fehlen.

Forschende der University of Minnesota und der Universität Zürich begleiteten über acht Jahre 422 Kinder. Das Ergebnis: Häufige Intervention im Spiel führte später zu Schwierigkeiten bei der Emotionsregulation. Aber – und das ist entscheidend – warmherzige Eltern, die präsent waren, ohne zu kontrollieren, hatten emotional stabilere Kinder.

„Der Unterschied ist nicht: weniger Liebe. Der Unterschied ist: anders lieben. Präsenz statt Kontrolle.“

Haim Omer, Begründer der Neuen Autorität, nennt es „wachsame Sorge“. Da sein, ohne einzugreifen, solange kein echtes Risiko besteht. Dem Kind signalisieren: Ich sehe dich. Ich traue dir zu, dass du das schaffst. Das ist keine Gleichgültigkeit. Es ist Vertrauen, das Arbeit kostet.

 

Die Josefstadt-Falle

Eine stilisierte Ansicht einer weitläufigen Landschaft mit einer Person, die an einer Kreuzung aus mehreren Wegen steht. Wegweiser zeigen in verschiedene Richtungen und symbolisieren Entscheidungen und Möglichkeiten.Im achten Bezirk leben Familien, die viel wissen, viel lesen, viel reflektieren. Das kulturelle Angebot ist reich, die Infrastruktur für Kinder exzellent. Keine sogenannte  Brennpunktschule weit und breit. Und genau hier lauert etwas, das wenige benennen: Der Wohlstand an Möglichkeiten erzeugt einen Wohlstand an Sorgen.

Wenn theoretisch alles möglich ist – die bilinguale Privatschule, der Bildungscampus am anderen Ende der Stadt –, wird jede Entscheidung zur Schicksalsfrage. Was, wenn die öffentliche Schule nicht reicht?

Die Wahrheit: Im 8. Bezirk brauchen Kinder keine teure Privatschule. Sie brauchen Pädagoginnen und Pädagogen, die ihr Handwerk verstehen. Und Eltern, die diesen Profis vertrauen.

 

Schule als Gegengift

In der OVS Zeltgasse basiert unsere Arbeit auf einer einfachen, aber radikalen Überzeugung: Ein Kind muss nicht optimiert werden. Es muss wachsen dürfen.

Eine handgezeichnete Darstellung eines Aufwuchs, der aus einer offenen Hand wächst. Die zarten Blätter und Wurzeln sind klar umrissen, während der Hintergrund neutral bleibt.

Im Churer Modell und anderen offenen Lernformen wählen Kinder selbst, woran sie arbeiten, mit wem sie zusammensitzen, wie sie eine Aufgabe angehen – weil Selbstwirksamkeit einer der stärksten Schutzfaktoren für die psychische Gesundheit ist. Carol Dweck hat gezeigt, dass Kinder mit einem „Growth Mindset“ widerstandsfähiger sind gegen Leistungsdruck und Versagensangst. In unseren Klassen sagen Pädagoginnen nicht immer: „Das hast du toll gemacht.“ Sie sagen auch: „Zeig mir, wie du das gelöst hast.“ Der Unterschied klingt klein. Er ist riesig.

OFFENES LERNENWahlfreiheit des Arbeitsplatzes und der Form – fördert die Eigenverantwortung von der ersten Minute an.
Neue AutoritätPräsenz statt Drohung. Wir weichen nicht zurück, wenn es schwierig wird, sondern bleiben mit Klarheit und Wärme da.
⚠️ Hintergrund: Die Realität der Kapazitäten
Dass wir dabei an Grenzen stoßen, verschweigen wir nicht. Jedes Jahr muss die Bildungsdirektion Wien Familien abweisen, weil unsere kleine Schule keine Plätze mehr hat. Wir wollen familiär bleiben – das ist gut so. Und gleichzeitig landen immer mehr klinische Diagnosen auf den Tischen unserer Lehrerinnen, ohne dass zusätzliche Hände dazukämen. Diese Realität verdient einen eigenen Beitrag – er folgt.

Kein Schulgeld. Keine schulischen Auswahlverfahren. Keine weltanschaulichen Barrieren. Und dennoch: pädagogische Vielfalt als tägliche Praxis. Montessori-Prinzipien, KEL Gespräche, Pädagogische Abende, Churer Modell, Neue Autorität – nicht als Marketingversprechen, sondern als Handwerk. Das ist öffentliche Bildung, wie sie sein kann, wenn Menschen sich dafür einsetzen.

 

Ausreichend gut

1/4
psychische Auffälligkeiten (COPSY-Studie 2025)
84%
mangelnde Gesundheitskompetenz (DAK Radar)

Diese Zahlen sind Alarmsignale. Aber sie sind keine Schicksalsschläge. Kinder, die sich emotional unterstützt fühlen, zeigen ein deutlich höheres Wohlbefinden. Die Schule, die Lehrkraft, die Eltern – sie können zum Schutzfaktor werden. Nicht durch mehr Kontrolle. Durch mehr Vertrauen.

Der Psychoanalytiker Donald Winnicott prägte in den 1950er-Jahren einen Begriff, der aktueller ist als je zuvor: die good enough mother. Die „ausreichend gute Mutter“. Nicht die perfekte. Die ausreichend gute.

🏠 Ein Versprechen für die Josefstadt

In diesem kleinen Stück Wien zwischen Rathaus und Gürtel brauchen Kinder keine Eltern, die alles richtig machen. Sie brauchen Eltern, die da sind. Und eine Schule, die dasselbe tut. Wir sind da. In der Zeltgasse 7. Jeden Tag.

Eine skizzenhafte Darstellung eines einfachen Holzstuhls, der links im Bild steht. Vor dem Stuhl befinden sich ein Paar Sneakers und ein kleiner Gegenstand, während ein Papierflugzeug schräg darüber fliegt. Der Hintergrund ist weiß und minimalistisch.

„Geduld gegen alles Ungelöste in deinem Herzen. Versuche, die Fragen selbst liebzuhaben. Lebe jetzt die Fragen.“

— Rainer Maria Rilke

Das gilt für Kinder. Und für ihre Eltern.

 

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