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📍 Einblick in den Alltag
Dienstagmorgen, Direktion. Auf dem Schreibtisch liegen drei neue Befunde. Klinisch-psychologische Gutachten, sauber gegliedert, professionell formuliert. F90.0. F81.0. F81.1. Codes aus dem Klassifikationssystem der Weltgesundheitsorganisation. Dahinter stehen Kinder.
Kinder, die ich kenne. Die ich gestern beim Lachen im Hof gesehen habe. Die mit Buntstiften Welten erfinden. Die im Morgenkreis Fragen stellen, auf die Erwachsene nicht kommen.

Ab heute stehen neben ihren Namen Buchstaben.
Was diese Codes bedeuten
Kurz und klar, weil Eltern ein Recht auf Verständlichkeit haben.
ADHS · 3–5 % aller Schulkinder in Österreich · neurobiologische Besonderheit im Dopaminstoffwechsel
Lese-Rechtschreib-Störung · ca. 5 % betroffen · das Gehirn verarbeitet Schriftsprache anders
Rechenstörung · weitere 10–15 % zeigen Schwierigkeiten unterhalb der Störungsschwelle
Was all diese Diagnosen gemeinsam haben: Sie sagen nichts über die Intelligenz eines Kindes. Nichts über seinen Charakter. Nichts über sein Potenzial. Sie sagen nur: Dieses Kind braucht etwas anderes als der Durchschnitt. Nicht mehr. Nicht weniger.
Das Rätsel der explodierenden Zahlen
Hier wird es spannend. Und irritierend.
In unserer Schule – einer kleinen, feinen Volksschule im 8. Bezirk – beobachten wir seit Jahren denselben Trend: Es werden mehr. Mehr Befunde. Mehr Diagnosen. Mehr Buchstaben auf mehr Schreibtischen. Und wir sind nicht allein damit. Kolleginnen in ganz Wien berichten dasselbe.
Die naheliegende Frage: Sind unsere Kinder kränker geworden? Die Antwort der Wissenschaft ist überraschend: Nein.
▸ Studie: King’s College London, 2025 – Was die Forschung wirklich zeigt
Eine Übersichtsarbeit des King’s College London, veröffentlicht 2025 im Journal of Affective Disorders, hat erstmals systematisch untersucht, ob die ADHS-Häufigkeit seit der Pandemie gestiegen ist. Das Ergebnis, basierend auf 40 internationalen Studien: Die tatsächliche Verbreitung von ADHS hat sich nicht signifikant verändert. Was sich verändert hat, ist etwas anderes: die Nachfrage nach Diagnostik. Sie ist explodiert.
Der Forscher Philip Shaw formulierte das Paradox so: Wie kann die wahre Rate stabil bleiben, während die Zahl der Hilfesuchenden beispiellos steigt?
Die wahrscheinlichste Erklärung ist zugleich die unbequemste: Wir hatten diese Kinder immer. In jeder Klasse, in jedem Jahrgang. Das Mädchen, das verträumt aus dem Fenster schaut und den Anschluss verliert. Den Buben, der nicht stillsitzen kann und als „lebhaft“ gilt. Das Kind, das brillante Geschichten erzählt, sie aber nicht aufs Papier bekommt.
Früher hießen sie „ein bisschen schwierig“ oder „halt so“. Heute haben sie einen Code. Das ist nicht per se schlecht. Diagnosen können Türen öffnen – zu Verständnis, zu Unterstützung, zu ausgleichenden Maßnahmen. Aber Diagnosen können auch etwas anderes bewirken: Sie können ein Kind auf seine Schwäche reduzieren. Und sie können eine Erwartung erzeugen, die niemand einlösen kann.
„Diagnosen können Türen öffnen. Aber sie können ein Kind auch auf seine Schwäche reduzieren.“
Die Erwartung, die auf der Schule landet
Und hier beginnt unsere Realität.
Wenn Eltern einen klinisch-psychologischen Befund in die Schule bringen, tun sie das aus Sorge und aus dem berechtigten Wunsch, dass ihr Kind die bestmögliche Unterstützung bekommt. Das verstehen wir. Das respektieren wir.
Was viele nicht wissen: Ein Befund erzeugt in der Schule keine zusätzlichen Ressourcen. Es kommt keine zweite Lehrerin. Es wird keine Klasse verkleinert. Es gibt keine Sonderstunden. Was passiert, ist: Dieselbe Pädagogin, die schon zwanzig Kinder mit zwanzig verschiedenen Bedürfnissen begleitet, individualisiert jetzt noch differenzierter. Sie entwickelt ausgleichende Maßnahmen, passt Aufgabenstellungen an, gewährt Zeitzuschläge bei Überprüfungen, dokumentiert, kommuniziert – zusätzlich zu allem anderen.
Das ist keine Klage. Das ist Berufsalltag. Unsere Pädagogen und Pädagoginnen tun es mit Hingabe und Professionalität. Aber es ist wichtig, dass Eltern das wissen. Damit aus berechtigter Erwartung kein unmöglicher Anspruch wird. Und damit klar ist: Was Schule hier leistet, geschieht nicht, weil das System dafür ausgestattet wäre. Es geschieht, weil Menschen sich entscheiden, mehr zu geben, als sie müssten.
Warum wir trotzdem nicht aufgeben
Weil unser pädagogisches Konzept genau für diese Realität gebaut ist.
Viele unserer Unterrichtsmodelle, die wir in den Klassen leben, individualisieren von Natur aus. Es gibt keinen Gleichschritt, dem jemand hinterherhinken könnte. Jedes Kind arbeitet an seinem Punkt, in seinem Tempo, mit seinem Zugang. Ein Kind mit einer Lese-Rechtschreib-Störung bekommt hier keine Sonderrolle. Es bekommt einen Lernweg, der zu ihm passt – wie alle anderen auch.
Und die Neue Autorität lehrt uns etwas, das gerade in Zeiten der Diagnosen-Inflation kostbar ist: Nicht das Kind ist gestört. Die Passung zwischen Kind und Umgebung muss stimmen. Unsere Aufgabe ist nicht, das Kind passend zu machen. Unsere Aufgabe ist, die Umgebung so zu gestalten, dass das Kind wachsen kann.
Was Eltern tun können
Befund als Information
Verstehen Sie den Befund als Information, nicht als Identität. F90 ist nicht, wer Ihr Kind ist. Es ist eine Beschreibung, wie sein Gehirn bestimmte Aufgaben verarbeitet.
Mit der Schule reden
Reden Sie mit der Schule, nicht über sie. Bringen Sie den Befund, erklären Sie Ihre Sorgen, fragen Sie nach dem Plan. Unsere Türen stehen für echte Gespräche offen.
Das ganze Kind sehen
Hinter jedem Code steht ein Mensch mit Stärken, die in keinem Gutachten vorkommen. Das Mädchen mit F81.0 malt vielleicht Bilder, die einem den Atem rauben. Diese Stärken zählen.
Eine Schule, die klein bleiben will
Es gibt einen Grund, warum jedes Jahr mehr Familien zu uns wollen, als wir aufnehmen können. Die Bildungsdirektion Wien muss regelmäßig Kinder anderen Schulen zuweisen, weil unsere Kapazitäten erschöpft sind.
Das ist schmerzhaft. Für die Familien. Und für uns. Aber wir haben uns bewusst entschieden: klein, familiär, überschaubar. Nicht, weil uns Wachstum nicht reizt. Sondern weil eine Schule, in der jede Lehrerin jedes Kind beim Namen kennt, eine Schule ist, die jedes Kind begleiten kann. Auch jene, deren Name jetzt neben einem Code steht. Gerade jene.
Kein Code. Ein Kind.
Hinter F90 steht vielleicht ein Mädchen, das im Morgenkreis die klügsten Fragen stellt – nur nicht lange genug stillsitzen kann, um die Antworten abzuwarten. Hinter F81 steht vielleicht ein Bub, der Geschichten erfindet, die alle staunen lassen – sie nur nicht so aufs Papier bekommt, wie er sie im Kopf hat.

Diese Kinder brauchen keine Etiketten. Sie brauchen Menschen, die hinsehen. Die verstehen. Die bleiben.
🏠 Unser Versprechen
Wir bleiben. In der Zeltgasse 7. Auch wenn es schwierig wird. Gerade dann.
„Ein Kind, das schwierig ist, ist ein Kind, das etwas mitteilt. Vielleicht ist das die wichtigste Diagnose von allen: Dieses Kind spricht mit uns. Hören wir zu.“
— Donald Winnicott, Kinderarzt & Psychoanalytiker
💬 Welche Erfahrungen haben Sie als Elternteil mit Diagnosen und dem Schulalltag gemacht? Wir freuen uns auf Ihre Gedanken.