Unsere Haltung

Woran wir glauben. Wofür wir stehen. Wie wir Schule denken.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
Bild & Co.
Warum wir Bilder verwenden

Wenn Sie an einem gewöhnlichen Dienstagmorgen durch unsere Schule gehen, sehen Sie vielleicht ein Kind, das in einer Ecke sitzt und ein Buch baut statt zu lesen. Ein anderes, das am Boden liegt und rechnet. Eines, das allein am Tisch sitzt und konzentriert vor sich hin murmelt. Ein viertes, das mitten im Raum steht und tanzt.

Sie könnten denken: Chaos. Wir nennen es: Leben.

Es gibt Schulen, die sich über Programme definieren. Über Siegel, Zertifikate, Auszeichnungen. Über das, was sie haben. Wir definieren uns über das, was wir sind. Und das beginnt nicht bei Methoden, sondern bei Haltung. Bei der Art, wie wir auf Kinder schauen. Wie wir Lernen verstehen. Wie wir Beziehung leben.

Das Folgende ist kein Werbetext. Es ist ein Versuch, transparent zu machen, was uns antreibt – und manchmal auch: was uns unterscheidet.

Das Kind ist kein Projekt

An der OVS Zeltgasse glauben wir an etwas Fundamentales: Kindheit ist kein Durchgangsstadium. Sie ist nicht die Vorbereitung aufs Leben – sie ist Leben. Jetzt. Hier. In seiner ganzen Intensität.

Wenn ein Kind bei uns in die erste Klasse kommt, sehen wir nicht „künftiger Erwachsener“. Wir sehen einen jungen Menschen mit eigenem Rhythmus, eigener Logik, eigener Würde. Manche lernen schneller, andere langsamer. Manche lauter, andere leiser. Manche brauchen Bewegung, andere Stille. Und das ist nicht nur okay – das ist richtig so.

Wir wissen: Kinder sind keine Gefäße, die befüllt werden müssen. Sie sind Lebewesen, die wachsen wollen – wenn man ihnen den Raum dafür gibt. Maria Montessori formulierte es vor hundert Jahren: „Das Leben anzuregen – und es dann frei entwickeln zu lassen – hierin liegt die erste Aufgabe des Erziehers.“

Bei uns darf Kindheit sein, was sie ist: ungerade, unvorhersehbar, unfertig.

Verschiedenheit ist kein Problem, sondern Programm

Wir behandeln Kinder nicht gleich. Wir behandeln sie gerecht.

Das ist ein Unterschied, der zählt. Gleichheit bedeutet: Alle bekommen das Gleiche. Gerechtigkeit bedeutet: Jedes Kind bekommt, was es braucht. Manche brauchen mehr Zeit. Andere mehr Herausforderung. Manche lernen durch Sprechen, andere durchs Schweigen. Manche blühen in Gruppen auf, andere in der Stille eines Buches.

Die Hirnforschung zeigt seit Jahrzehnten: Jeder Mensch lernt anders. Neurologische Vielfalt ist keine Störung, sondern die Normalität des Menschseins. ADHS, Hochbegabung, Autismus, Legasthenie – das sind keine Defizite, sondern andere Arten, die Welt zu verarbeiten. Und selbst jenseits aller Diagnosen gilt: Jedes Kind denkt auf seine Weise.

Wir zwingen nicht alle in dieselbe Form. Wir lassen jede Form gelten.

An unserer Schule arbeiten Lehrer:innen nach unterschiedlichen Ansätzen. Eine nutzt das Churer Modell und lässt Kinder ihre Lernwege selbst gestalten. In ihrer Klasse wählen Schüler:innen morgens aus einem Angebot: Rechnen mit Würfeln, Lesen in der Leseecke, Schreiben am Computer. Sie dokumentieren ihre Arbeit in Lerntagebüchern. Sie planen ihre Woche selbst.

Ein anderer orientiert sich an Montessori-Prinzipien: vorbereitete Umgebung, Materialien, die zum Entdecken einladen. Hier gibt es Perlenmaterial zum Rechnen, Sandpapierbuchstaben zum Fühlen, eine Stille-Übung, bei der Kinder lernen, ins Innere zu lauschen.

Wieder andere bieten hochdifferenzierten, strukturierten Unterricht mit klaren Rhythmen und gemeinsamen Phasen. Morgenritual. Gemeinsame Einführung. Individuelle Übungszeit. Reflexion im Kreis.

Klingt das nach Beliebigkeit? Ist es nicht. Es ist pädagogische Ehrlichkeit. Denn wir haben gelernt: Es gibt nicht das richtige Modell. Es gibt das Modell, das zu diesem Kind, zu dieser Lehrerin, zu diesem Moment passt.

Manche Kinder brauchen die Struktur eines klaren Stundenplans. Andere blühen in offenen Lernlandschaften auf. Manche lernen durch Anleitung. Andere durch Entdeckung. Und alle haben recht.

Was uns eint, ist der Respekt vor dem Individuellen. Die Bereitschaft, hinzuschauen. Die Demut zu sagen: „Ich weiß nicht, was für dieses Kind am besten ist – lass es uns gemeinsam herausfinden.“

Wir bleiben da – auch wenn es schwierig wird

Seit einigen Jahren arbeiten wir mit den Prinzipien der Neuen Autorität nach Haim Omer. Nicht, weil das gerade modern ist. Sondern weil es funktioniert.


Neue Autorität bedeutet nicht Kontrolle. Sie bedeutet Präsenz. Da sein. Auch dann – gerade dann – wenn ein Kind sich entfernt, wenn es wütend wird, wenn es testet. Nicht lauter werden, sondern verbunden bleiben. Nicht bestrafen, sondern halten.

Ein Beispiel aus unserem Alltag: Ein Kind wirft im Streit ein Buch durchs Klassenzimmer. Früher hätte vielleicht jemand geschimpft: „Jetzt setzt du dich hin und denkst nach!“ Heute bleiben wir stehen. Wir sagen: „Ich sehe, dass du wütend bist. Ich bin hier. Und wenn du bereit bist, reden wir.“

Das klingt einfach. Ist es nicht. Es erfordert Selbstkontrolle, Geduld, Vertrauen. Aber es verändert alles. Denn das Kind lernt nicht: „Wenn ich etwas falsch mache, werde ich bestraft.“ Es lernt: „Ich werde nicht fallen gelassen.“

Stärke zeigen heißt nicht, lauter zu sein. Sondern verbunden zu bleiben, wenn es laut wird.

Lernen braucht Beziehung

Gerald Hüther hat es auf den Punkt gebracht: „Kinder lernen nicht von Menschen, die sie belehren. Sie lernen von Menschen, zu denen sie eine Beziehung haben.

An der OVS Zeltgasse nehmen wir das ernst. Unsere Pädagog:innen sind mehr als Wissensvermittler. Sie sind Resonanzkörper für die Neugier der Kinder. Sie sind Menschen, die zuhören, bevor sie sprechen. Die fragen, bevor sie erklären. Die präsent sind – nicht perfekt.

Beziehung heißt auch: transparent sein. Wir zeigen Kindern, wie wir denken. Warum wir etwas tun. Was uns bewegt, was uns herausfordert. Nicht als unfehlbare Autoritäten, sondern als erwachsene Begleiter:innen auf einem gemeinsamen Weg.

Ein konkretes Beispiel: In einer unserer Klassen gab es einen Konflikt, der eskalierte. Statt den Kindern eine Lösung vorzusetzen, sagte die Lehrerin: „Ich weiß gerade nicht weiter. Lasst uns gemeinsam überlegen.“ Die Kinder entwickelten Vorschläge. Diskutierten. Einigten sich. Und lernten dabei mehr über Demokratie als in zehn Sachunterrichtsstunden.

Echtes Lernen entsteht in echter Begegnung.

Wir verteidigen die Langsamkeit

Wir leben in einer Welt, die nach Beschleunigung ruft. Früher lesen. Schneller rechnen. Mehr Fremdsprachen. Mehr Förderkurse. Mehr, mehr, mehr.

Weniger ist manchmal mehr.

Die Entwicklungspsychologie zeigt eindeutig: Kinder brauchen Zeit. Zeit zum Spielen – nicht als Zeitvertreib, sondern als höchste Form der Forschung. Zeit zum Träumen. Zeit für Langeweile, aus der Kreativität erwächst. Zeit für Fehler, aus denen Verstehen wächst.

Ein Kind, das mit fünf nicht lesen kann, ist nicht „zurück“. Es ist einfach noch nicht bereit. Ein anderes Kind, das mit vier Bücher verschlingt, ist nicht „begabt“ – es folgt nur seinem eigenen Tempo. Und das ist der Punkt: Wir respektieren diese Tempi.

Carol Dweck hat gezeigt: Nicht Begabung entscheidet über Erfolg, sondern die Haltung zum Lernen. Kinder, die glauben, dass Anstrengung sich lohnt, wachsen. Kinder, denen man einredet, sie seien „gut“ oder „schlecht“, erstarren.

Wir fördern nicht Perfektion. Wir fördern Entwicklung.

Deshalb gibt es bei uns keine Noten in der Schuleingangsphase. Deshalb gibt es Lernlandschaften, in denen Kinder unterschiedlich schnell arbeiten dürfen. Deshalb gibt es Pausen, die wirklich Pausen sind – nicht verplante Förderfenster.

Fehler sind Freunde, keine Feinde

Es gibt einen Moment, den wir alle kennen: Ein Kind versucht etwas. Scheitert. Und zögert beim zweiten Versuch.

In diesem Moment entscheidet sich, ob Lernen zu einem Ort der Angst wird – oder zu einem Ort der Möglichkeiten.

An der OVS Zeltgasse sprechen wir nicht von „Fehlern“, sondern von Lernchancen. Fehler sind der Nährboden des Verstehens. Die Neurowissenschaften belegen: Das Gehirn lernt am stärksten, wenn es Fehler macht. Nicht bei perfekten Wiederholungen. Sondern in Momenten der Irritation, des Staunens, des „Aha!“.

Wir sagen Kindern nicht: „Das ist falsch.“ Wir sagen: „Interessant. Erzähl mir, wie du darauf gekommen bist.“ Und dann hören wir zu. Denn oft steckt in einem „falschen“ Rechenweg eine Logik, die wir nur nicht erkannt haben. Oft zeigt ein „falscher“ Satz eine kreative Sprachbildung, die grammatisch nicht korrekt ist – aber poetisch genial.

Wer Angst vor Fehlern hat, lernt nicht. Er funktioniert.

Analoges Herz, digitaler Verstand

Wir öffnen die Türen zur digitalen Welt. Aber wir vergessen nie, wo Bildung verankert ist: in der echten, körperlichen, emotionalen Begegnung.


Medienkompetenz beginnt nicht beim Wischen über Glas. Sie beginnt bei der Fähigkeit, Nähe auszuhalten. Konflikte auszutragen. Langeweile zu ertragen. Ein Buch in die Hand zu nehmen, statt reflexhaft zum Screen zu greifen.

Wir nutzen digitale Werkzeuge dort, wo sie Sinn machen. Recherche. Kreative Projekte. Dokumentation. Aber wir fragen immer: Dient das Tool dem Kind – oder dient das Kind dem Tool?

Ein Beispiel: In einer Klasse wurde ein Filmprojekt zum Thema „Wiener Bezirke“ gemacht. Die Kinder haben gefilmt, geschnitten, vertont. Aber sie sind vorher durch den Bezirk spaziert. Haben Menschen befragt. Skizzen gezeichnet. Erst die Welt, dann das Werkzeug.

Eltern sind Partner, nicht Bittsteller

Schule gelingt dort am besten, wo sie als gemeinsames Werk verstanden wird. Nicht als Dienstleistung, die man einkauft. Sondern als Dialog auf Augenhöhe.

Wir erwarten nicht, dass Sie perfekte Eltern sind. Wir wissen: Sie tun Ihr Bestes. Manchmal sind Sie erschöpft. Manchmal unsicher. Manchmal überfordert. Das ist okay. Uns geht es genauso.

Was wir erwarten, ist Offenheit. Reden Sie mit uns. Nicht erst, wenn es brennt. Auch dann, wenn etwas gärt. Wir sind keine Gegner. Wir sind Team.

Unser Elternverein ist mehr als eine Organisationsstruktur. Er ist ein Netz der Verbundenheit. Eltern, die einander stützen, inspirieren, entlasten. Die gemeinsam Feste feiern, Projekte anstoßen, Räume gestalten.

Schule ist kein Ort, an dem man Kinder abgibt. Sie ist ein Ort, an dem man mitgeht.

Wir trauen uns, anders zu sein

Vieles, was wir hier tun, passt nicht in klassische Schulschubladen. Wir vergeben keine Noten, wenn Kinder noch im Entdecken sind. Wir lassen Kinder in eigenem Tempo arbeiten. Wir fragen nicht: „Warum kannst du das noch nicht?“ Sondern: „Was brauchst du, um es zu lernen?“

Das verunsichert manche. Eltern, die selbst streng benotet wurden, fragen: „Aber woher weiß ich dann, ob mein Kind gut ist?“ Unsere Antwort: Indem Sie hinschauen. Nicht auf Zahlen. Auf das Kind. Ist es neugierig? Traut es sich, Fragen zu stellen? Geht es gerne in die Schule? Dann ist es gut.

Wir wissen: Dieser Weg ist nicht für alle. Manche Eltern brauchen klarere Linien, strengere Strukturen, mehr Kontrolle. Das ist legitim. Aber wenn Sie sich fragen, ob Schule auch anders geht – freier, menschlicher, individueller – dann sind Sie bei uns richtig.

Ein letzter Gedanke

Es gibt einen Moment, der sich in unserer Schule immer wieder ereignet. Nicht spektakulär. Aber bedeutsam.

Ein Kind kommt morgens in die Klasse. Setzt sich in den Kreis. Und sagt plötzlich: „Mein Opa ist gestorben.“

In manchen Schulen würde jemand sagen: „Das tut uns sehr leid. Aber jetzt machen wir Mathe.“

Wir sagen: „Erzähl.“

Und dann fällt Mathe aus. Vielleicht reden wir eine Stunde über den Tod. Über Trauer. Über das, was bleibt, wenn jemand geht. Über die Angst. Über die Erinnerungen. Über das Leben.

Ist das Zeitverschwendung? Oder ist es das Wichtigste, was Schule leisten kann?

Wir glauben an Letzteres. Denn Schule ist nicht nur ein Ort für Wissen. Sie ist ein Ort fürs Leben. Hier lernen Kinder nicht nur Lesen, Schreiben, Rechnen. Sie lernen, mit Unsicherheit umzugehen. Mit Verlust. Mit Freude. Mit sich selbst. Sie lernen, dass es okay ist, zu zweifeln. Dass Fragen wichtiger sind als Antworten. Dass sie gesehen werden – nicht als Nummern, nicht als Noten, sondern als Menschen.

Wenn Ihr Kind abends nach Hause kommt und erzählt: „Heute haben wir über Gefühle gesprochen, und die Lehrerin hat geweint“ – dann wissen Sie, dass es an einer Schule ist, wo Menschen sein dürfen, was sie sind.

Verletzlich. Echt. Lebendig.

An der OVS Zeltgasse ist Ihr Kind kein Projekt. Es ist kein zu optimierendes System. Es ist kein Durchschnittswert. Es ist ein junger Mensch mit eigenem Tempo, eigenen Fragen, eigener Würde.

Und genau das ist unsere Haltung.

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