Die Illusion der Gleichheit

„Alle Kinder sind gleich." Dieser Satz klebt an Schultüren, prangt auf Homepages, schwebt durch Elternabende. Er meint es gut. Aber er lügt. Nicht moralisch. Aber pädagogisch. Und manchmal ist gerade das Gut-Gemeinte das Problem.

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken

Es ist November, Anmeldezeit, Sprechtagszeit, KEL-Zeit. Eltern sitzen in (Beratungs-)Gesprächen und stellen die Frage, die sich fair anfühlt: „Werden hier alle Kinder gleich behandelt?“ Sie erwarten ein beruhigendes Ja. Aber die ehrliche Antwort ist komplizierter – und besser: Nein. Nicht alle gleich. Aber alle gerecht.

Das Unbehagen mit der Verschiedenheit

Stellen Sie sich eine Klasse vor. 23 Kinder, acht Uhr früh. Ein Kind mit ADHS, dessen Nervensystem nach Bewegung schreit, soll 45 Minuten still sitzen. Ein hochbegabtes Kind arbeitet zum fünften Mal dieselbe Aufgabe durch und schaltet innerlich ab. Ein schüchternes Kind, das in Zweiergruppen wunderbar erklärt, wird aufgerufen und soll „endlich mal laut reden“. Ein anderes Kind, dessen Eltern kaum Deutsch sprechen, bekommt denselben Text wie jenes, das abends am Küchentisch vorgelesen bekommt.

Alle machen das Gleiche. Alle bekommen das Gleiche.

Aber alle leiden anders.

Das ist die Wahrheit hinter der Gleichheits-Illusion: Sie klingt demokratisch. Sie fühlt sich fair an. Aber sie ignoriert, was die Hirnforschung seit Jahrzehnten weiß – dass neurologische Unterschiede keine Störungen sind, sondern natürliche Formen menschlicher Vielfalt. Etwa jeder fünfte Mensch lebt mit dem, was man Neurodivergenz nennt: ADHS, Autismus, Hochbegabung, Legasthenie. Aber auch jenseits von Diagnosen arbeitet jedes Gehirn auf seine eigene Art. Manche Kinder lernen durch Sehen, andere durch Hören, wieder andere durchs Tun. Manche brauchen Stille, andere blühen im Gemurmel auf.

„Alle gleich“ heißt in Wahrheit: Die meisten falsch.


Zwei Worte, die alles verändern

Die englische Sprache unterscheidet präziser als die deutsche: Equality versus Equity. Gleichheit versus Gerechtigkeit. Gleichheit bedeutet: Jeder bekommt das Gleiche. Gerechtigkeit bedeutet: Jeder bekommt, was er braucht.

Gleichheit ist einfacher. Man muss nicht hinschauen, nicht nachdenken, nicht abwägen. Eine Kiste für alle – fertig. Aber gerecht ist es nicht.


Was Carol Dweck über Begabung herausfand

Carol Dweck, Psychologin in Stanford, hat in jahrzehntelanger Forschung etwas Erstaunliches gezeigt: Nicht Begabung entscheidet über Erfolg, sondern die Art, wie Kinder über ihre Fähigkeiten denken.

Kinder mit einem „statischen Selbstbild“ glauben, man könne etwas – oder eben nicht. Talent ist angeboren, unveränderlich. Mühe ist peinlich, weil sie zeigt, dass man’s eben nicht kann.

Kinder mit einem „dynamischen Selbstbild“ sehen das anders: Anstrengung ist der Weg zur Entwicklung. Fehler sind Lernchancen. „Ich kann das noch nicht“ ist der wichtigste Satz der Welt.

Und jetzt kommt’s: Diese Haltungen werden durch Umgebung geprägt. Eine Schule, die allen das Gleiche abverlangt, im gleichen Tempo, zur gleichen Zeit, züchtet statische Selbstbilder. Das begabte Kind denkt: „Ich bin gut, weil’s mir leichtfällt.“ Das lernschwache denkt: „Ich bin schlecht, weil’s mir schwerfällt.“ Beide landen in derselben Falle – das eine in der Angst vor Herausforderung, das andere in der Resignation.

Eine Schule, die Verschiedenheit ernst nimmt, ermöglicht Wachstum. Weil jedes Kind dort anfängt, wo es steht. Und von dort aus wachsen darf.


Wie das bei uns aussieht

An der OVS Zeltgasse arbeiten wir nicht nach einem Modell. Wir arbeiten mit vielen. Eine Kollegin unterrichtet nach dem Churer Modell: Kinder wählen ihre Aufgaben, arbeiten in eigenem Tempo, dokumentieren ihre Lernwege. Andere orientieren sich an Montessori-Prinzipien: vorbereitete Umgebung, Freiarbeit, Entwicklungsmaterialien. Wieder andere bieten hochdifferenzierten, klassisch strukturierten Unterricht – mit klarem Rhythmus, gemeinsamen Phasen, individuellen Vertiefungen.

Das klingt nach Durcheinander? Ist es nicht. Es ist Reichtum. Denn auch Lehrer:innen sind verschieden. Auch Lehrer:innen haben unterschiedliche Stärken, Haltungen, Herangehensweisen. Und wissen Sie was? Das ist gut so. Denn Kinder brauchen nicht alle dieselbe Pädagogik. Sie brauchen jene, die zu ihnen passt – und zu jener Lehrerin, die authentisch damit arbeiten kann.

Was alle verbindet: der Respekt vor der Verschiedenheit. Die Überzeugung, dass Differenzierung nicht „Extra-Aufwand“ ist, sondern Kernaufgabe. Die Bereitschaft, hinzuschauen. Nicht auf die Klasse – auf das Kind.


Die politische Dimension

Während Gleichheit allen die gleichen Ressourcen gibt, erkennt Gerechtigkeit an, dass manche mehr Hilfe brauchen, um dasselbe Ziel zu erreichen.

Ein hochsensibles Kind braucht andere Räume als eines mit hohem Stimulationsbedürfnis. Ein Kind, das sprachlich brilliert, braucht andere Impulse als eines, das visuell-räumlich denkt. Ein Kind mit zwei berufstätigen Eltern, die abends erschöpft nach Hause kommen, braucht andere Beziehungsangebote als eines mit drei Nachmittagen beim Großvater im Garten.

Das ist keine Bevorzugung. Das ist Ausgleich.

Und hier wird’s interessant: Auch in bildungsnahen Milieus gibt es unsichtbare Ungleichheiten. Das Kind aus dem Akademikerhaushalt mit Leistungsdruck. Das hochbegabte Kind, das sich langweilt und als „schwierig“ gilt. Das introvertierte Kind, das in der Masse untergeht. Das Kind, das anders lernt – und dessen Eltern nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen.

Aktuelle OECD-Daten zeigen: Der familiäre Hintergrund hat nach wie vor einen starken Einfluss auf Bildungsergebnisse. Aber „Herkunft“ bedeutet nicht nur sozioökonomischen Status. Es bedeutet auch: Welche Lernbiografie haben die Eltern? Welche Erwartungen bringen sie mit? Welchen Druck? Welche Ängste?

Progressive Pädagogik ist der Versuch, jedes Kind dort abzuholen, wo es steht – unabhängig davon, ob es aus einem Haushalt mit drei Bücherregalen oder dreißig kommt. Nicht durch Mitleid. Durch genaues Hinsehen.


Was das für Sie als Eltern bedeutet

Wenn Sie nach einer Schule suchen, die Ihr Kind „gleich behandelt wie alle anderen“, dann suchen Sie vielleicht nach der falschen Frage. Fragen Sie lieber: Sieht diese Schule mein Kind? Fragt sie, was es braucht – nicht nur, was die Klasse macht?

Das bedeutet nicht Beliebigkeit. Im Gegenteil. Es bedeutet höchste pädagogische Ansprüche. Neurodivergente Kinder sind besonders auf informierte Fachkräfte und differenziertes Verständnis angewiesen – aber ehrlich gesagt: Alle Kinder sind darauf angewiesen. Weil alle Kinder einzigartig sind.

Manche Eltern fragen besorgt: „Aber wird mein Kind dann benachteiligt, wenn andere mehr bekommen?“ Die Antwort ist: Nein. Denn Förderung ist keine Zero-Sum-Dynamik – Ressourcen, die ein Kind heute erhält, werden keinem anderen weggenommen. Ihr Kind braucht heute Hilfe bei Mathe? Bekommt es. Ein anderes braucht morgen einen ruhigen Raum? Bekommt es. Ein drittes braucht übermorgen jemanden, der zuhört, wenn’s zu Hause schwierig ist? Bekommt es.

Das ist keine Bevorzugung. Das ist Pädagogik.


Eine letzte Provokation

Was würde passieren, wenn wir aufhören, „Gleichheit“ als Ideal zu verkaufen? Wenn wir stattdessen ehrlich sagen: Wir behandeln Kinder unterschiedlich. Weil sie unterschiedlich sind. Weil Gerechtigkeit nicht bedeutet, allen das Gleiche zu geben, sondern jedem das Seine.

Wir würden Schulen schaffen, in denen niemand durchs Raster fällt. Nicht die Hochbegabten, die sich langweilen. Nicht die Lernschwachen, die sich schämen. Nicht die Stillen, die übersehen werden. Nicht die Lauten, die stören. Wir würden Schulen schaffen, die nicht fragen: „Warum bist du nicht wie die anderen?“ Sondern: „Was brauchst du, um zu wachsen?“

Das wäre echte Inklusion. Nicht jene, die alle in dieselbe Form presst. Sondern jene, die jede Form gelten lässt.

An der OVS Zeltgasse behandeln wir Kinder nicht gleich. Wir behandeln sie gerecht.

Wenn Sie das für Ihr Kind wollen, dann sind Sie bei uns richtig.

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