iKM+ und wir

Was die iKMPLUS misst, was sie nicht misst — und was uns das über Schule verrät

Hier präsentieren wir unser Web-Tagebuch (Blog), in dem wir (versuchen ;) unsere pädagogischen Gedanken, Ideen und Tipps für Eltern sowie aktuelle Ereignisse aus unserem Schulalltag festzuhalten.

Da das gesamte Team hier mit unterschiedlichen Werkzeugen (Handys, Computer, …) von verschiedenen Orten (unterwegs, zu Hause, in der Schule, …) Artikel veröffentlicht, kann jeder Beitrag anders aussehen.

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Nach Denken
Bild & Co.
Illustration einer Waage, die Bedarf und Qualität gegeneinander abwägt. Auf der linken Seite sind gestapelte, schwarze und weiße Blöcke für Bedarf zu sehen, während die rechte Seite die Frage nach der Qualität mit einer geringeren Menge an Blöcken darstellt.
Warum wir Bilder verwenden

Ende April. Irgendwo in Österreich sitzt ein Kind an einem nummerierten Schultisch, getrennt nach Gruppen. Vor ihm liegt ein quasi personalisiertes Testpaket, das bis kurz vor Beginn versiegelt war. Es hat einen eigens dafür vorgesehenen Stift in der Hand. Die Lehrerin darf nicht helfen. Der Nachbar auch nicht. Die Uhr läuft. 45 Minuten.

Willkommen bei der iKMPLUS.


Wir führen sie durch. Jedes Jahr, verpflichtend, zwischen 20. April und 20. Mai, mit allen Kindern der 3. und 4. Schulstufe. Die Testhefte sind personalisiert und werden vorab zugestellt — entsiegelt wird erst unmittelbar vor Beginn. Die Ergebnisse liegen für Lehrerinnen und Lehrer direkt nach der Dateneingabe vor, systemweite Berichte folgen im Abstand von drei Jahren. Das System ist durchdacht. Die Absicht dahinter ist redlich: die Kompetenzen aller österreichischen Kinder sichtbar zu machen, individuell zu fördern, die Qualität von Unterricht zu entwickeln.

Das alles stimmt. Und trotzdem schreibe ich diesen Text. Weil Absicht und Wirkung nicht immer dasselbe sind. Weil Eltern ein Recht haben zu verstehen, was da passiert — und was es bedeutet.


Das Ritual der Vergleichbarkeit

Was die iKMPLUS will, ist Vergleichbarkeit. Damit alle Kinder in Österreich unter denselben Bedingungen getestet werden, braucht es eben: versiegelte Pakete, nummerierte Sitzordnungen, keine Hilfestellung, dieselbe Zeit. Das ist keine Schikane — das ist Testlogik. Wer vergleichen will, muss standardisieren.

Aber hier beginnt die erste Frage, die ich Ihnen mitgeben möchte: Wenn alle Schulen in Österreich Ende April denselben Stoff durchgearbeitet haben müssen — wessen Lehrplan ist das dann eigentlich? Der der Schule? Der der Lehrerin oder des Lehrers? Oder der des Testhefts?

Das österreichische Schulrecht gibt Lehrpersonen Freiheit in der methodischen Gestaltung. Was die iKMPLUS de facto erzeugt, ist ein impliziter Erwartungsrahmen: Bis Ende April muss sinnerfassendes Lesen trainiert worden sein, müssen Strategien zur Texterschließung zumindest thematisiert worden sein, müssen Kinder wissen, wie man ein Aufgabenheft bearbeitet — weil das selbst eine Kompetenz ist, die der Test voraussetzt, aber nicht misst.

„Lernen fürs Testen. Kein böser Wille. Aber eine stille Strukturkraft, die sich in jeden Lehrplan schreibt.“


Was mit den Daten wirklich passiert

Eltern fragen uns manchmal besorgt: Wer sieht das Ergebnis meines Kindes?

Die Antwort ist klar: Das Ergebnis der iKMPLUS fließt nicht in Noten ein und ist kein Kriterium für die Aufnahme an einer weiterführenden Schule. Es dient der individuellen Förderung — und als Grundlage für Gespräche zwischen Lehrerin, Kind und Eltern, die ohnehin stattfinden sollten.

Was weniger bekannt ist: Im Dreijahresrhythmus fließen Standortergebnisse in anonymisierter Form an die Bildungsdirektion und das Bundesministerium. Die Schulaufsicht erhält damit ein Bild davon, wie sich ein Standort über die Zeit entwickelt — und ob vereinbarte Entwicklungsziele erreicht werden. Das ist legitim. Es ist Teil eines Qualitätssystems, das nicht kontrollieren, sondern unterstützen will.

Aber es ist gut, das zu wissen. Transparenz gehört dazu.


Eine Frage, die das System selbst noch beantwortet

 

Es gibt eine Spannung, die ich hier ansprechen möchte — nicht als Kritik, sondern weil ich sie für ehrlich halte.

Ein Bildungssystem, das Ressourcen nach Bedarf verteilt, folgt einer guten Logik: Dort, wo Kinder mehr Unterstützung brauchen, soll mehr ankommen. Das ist gerecht. Das ist richtig. Die iKMPLUS ist ein Instrument, das dabei helfen soll, diesen Bedarf sichtbar zu machen.

Die offene Frage ist, was das für Standorte bedeutet, die bereits auf hohem Niveau arbeiten — nicht weil die Kinder besonderer sind, sondern weil engagierte Pädagoginnen, unterstützende Familien und eine gewachsene Schulkultur zusammenwirken. Werden solche Schulen dauerhaft in ihrer Arbeit gestärkt? Oder entsteht ein System, in dem gute Ergebnisse stillschweigend vorausgesetzt werden — ohne dass die Bedingungen, die sie ermöglichen, weiter gepflegt werden?

„Diese Frage stellt sich nicht nur an der Zeltgasse. Sie stellt sich überall dort, wo Schule wirklich gut funktioniert. Und sie verdient eine klare Antwort — vom System, nicht von den Schulen selbst.“


Was der Test der Lehrerperson sagt — und was er ihr nicht sagen darf

Lehrpersonen erleben die iKMPLUS ambivalent. Das ist verständlich.

Offiziell ergänzt der Test die Einschätzung der Lehrerin oder des Lehrers durch eine externe, standardisierte Perspektive. Was das in der Praxis bedeutet: Ein Test bewertet einen Ausschnitt. Und dieser Ausschnitt wird — ob man will oder nicht — auch als Spiegel der Lehrerin bzw. des Lehrers  gelesen. Nicht von der Behörde. Aber von Kolleg:innen. Von Eltern. Von der Lehrerin oder dem Lehrer selbst.

Eine Lehrerin oder ein Lehrer, die/der ein Kind drei Jahre lang begleitet hat, das Deutsch als Zweitsprache lernt, das vielleicht eine schwierige Lebenssituation mitbringt, das sich aber jeden Tag bemüht — diese Lehrperson weiß mehr über dieses Kind als jedes Testheft. Aber das Testheft gibt ihr eine Zahl. Und Zahlen haben eine eigentümliche Autorität.

Wir sprechen darüber. Offen, im Team, ohne Scheu. Weil wir wissen, dass ein Testergebnis eine Momentaufnahme ist — nicht mehr und nicht weniger.


Was wir an der Zeltgasse daraus machen

Wir führen die iKMPLUS durch — vollständig, gewissenhaft, ohne Wenn und Aber. Das ist unsere Pflicht, und wir erfüllen sie gerne. Wir bereiten unsere Kinder darauf vor — nicht indem wir für den Test üben, sondern indem wir dafür sorgen, dass sie lesen können, weil Lesen ihnen etwas bedeutet. Dass sie rechnen können, weil Mathematik sie neugierig macht.

Wenn die Ergebnisse zurückkommen, lesen wir sie gemeinsam — im Team, mit Bedacht. Wir freuen uns über das, was gut ist. Wir nehmen ernst, was uns überrascht. Wir sprechen mit Kindern und Eltern — nicht mit der Ergebnistafel als Hauptakt, sondern mit dem Kind als Mittelpunkt.

„Das Ergebnis ist eine Wahrheit. Eine unter vielen. Und manchmal die am wenigsten erhellende.“


Am Ende des Tages werden die versiegelten Pakete eingesammelt. Die Kinder gehen in die Pause. Draußen spielen sie — laut, schief, glücklich, manchmal unfair, manchmal wunderschön. Niemand schreibt das auf. Niemand trägt es in eine Plattform ein.

Aber es ist das Echte. Und wir sehen es.


Peter Sykora, Schulleiter OVS Zeltgasse

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