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Ein Plädoyer für das Wachstum: Warum wir den Blick für den Menschen hinter der Ziffer schärfen müssen.

Freitag, 14 Uhr. Ein Kind kommt nach Hause, die Schultasche noch auf dem Rücken, in der Hand ein gefaltetes Blatt Papier. Die Schulnachricht. Oder das Zeugnis.
Die Mutter schaut hoch vom Laptop. „Na, zeig mal her.“
Das Kind reicht das Papier rüber. Zögernd. Die Mutter öffnet es, die Augen gleiten über die Seite. Bleiben hängen. „Ein Dreier in Mathematik.“
PAUSE.
Das Kind sagt nichts. Schaut auf den Boden. Die Mutter spürt, wie sich etwas in ihr zusammenzieht. Enttäuschung. Sorge. Die Frage drängt sich auf: Warum? Was ist schiefgelaufen? Hätten wir mehr üben sollen?
Und in diesem Moment – zwischen dem Sehen der Zahl und dem ersten Wort, das gleich kommen wird – geschieht etwas Unsichtbares: Das Kind wird zur Leistung. Zur Bewertung. Zum Problem, das gelöst werden muss.
Die eigentliche Frage – Wie geht es dir? Bist du okay? Was brauchst du? – verschwindet hinter einer anderen: Was hast du geleistet? Warum nicht besser?
Das Drama der Bewertung – und warum wir alle mitspielen
Wir kennen diese Szene. Alle. Manche von uns haben sie selbst erlebt, als wir Kinder waren. Manche beobachten sie jetzt bei ihren eigenen Kindern. Und manche – seien wir ehrlich – reproduzieren sie, obwohl wir es eigentlich anders machen wollten. Obwohl wir uns geschworen haben: Bei meinen Kindern wird das anders. Ich werde nicht so reagieren wie meine Eltern damals.
Und doch tun wir es.
Warum?
Weil Noten mächtig sind. Nicht weil sie so viel aussagen. Sondern weil wir ihnen so viel Macht geben. Weil wir in einer Gesellschaft leben, die Kinder permanent bewertet, vermisst, vergleicht. Die behauptet, ein komplexes, lebendiges, sich ständig veränderndes Wesen ließe sich auf Ziffern reduzieren – und diese Ziffern seien dann die Wahrheit über dieses Kind.
Aber stimmt das? Oder ist eine Note nur unser verzweifelter Versuch, Kontrolle zu haben über etwas, das sich nicht kontrollieren lässt: das Wachsen eines Menschen?
Was eine Note wirklich ist – und was nicht
📍 Gedankenexperiment: Die Momentaufnahme
Stellen Sie sich vor, Sie fotografieren Ihr Kind. Einmal. An einem Dienstagvormittag. Bei schlechtem Licht. Es hatte gerade einen Streit mit der besten Freundin, hat schlecht geschlafen, ist müde. Das Foto ist leicht unscharf. Würden Sie sagen: „So sieht mein Kind aus“? Natürlich nicht. Sie würden sagen: „Das ist ein Moment. Unter bestimmten Umständen. An einem bestimmten Tag.“Genau das ist eine Schulnote. Sie ist kein Röntgenbild der Seele. Sie ist keine objektive Messung von Intelligenz. Sie ist ein Ausschnitt. Eine Momentaufnahme dessen, was ein Kind zu einem bestimmten Zeitpunkt, unter bestimmten Bedingungen, in einer bestimmten Prüfungssituation zeigen konnte.
Und selbst wenn wir über die Schulnachricht im Semester sprechen, über das Zeugnis im Juli – also über eine Note, die sich über Monate hinweg gebildet hat – bleibt sie genau das: eine Annäherung. Ein Versuch, etwas Unfassbares fassbar zu machen. Etwas, das sich ständig bewegt – Verstehen, Können, Entwicklung – in eine starre Zahl zu pressen.
💡 Hattie-Studie und Lernerfolg
Eine Note sagt einem Kind nicht, wie es besser werden kann. Sie sagt nur: Du warst gut genug. Oder nicht. Das ist keine Lernförderung. Das ist Sortierung.
Wie wir in der Zeltgasse Leistung anders denken
Wir leben in Österreich. Wir können das Notensystem nicht abschaffen. Ab Ende der 2. Klasse gibt es Noten, weil das Gesetz es so vorsieht. Das ist die Realität, mit der wir arbeiten.
Aber wir können – und das ist entscheidend – verändern, wie wir über Leistung denken. Wie wir sie begleiten. Wie wir sie sichtbar machen, ohne Kinder zu reduzieren.
📍 1. Kompetenzraster: Der Unterschied zwischen Urteil und Orientierung
Stellen Sie sich vor, Sie lernen Klavier spielen. Ihr Lehrer hört Ihnen zu. Sagt dann: „Befriedigend.“ Was haben Sie gelernt? Nichts. Jetzt stellen Sie sich vor, er sagt: „Dein Rhythmus ist schon sehr stabil. Achte beim nächsten Mal auf die linke Hand – sie eilt manchmal voraus. Und dieser Übergang hier – versuch ihn langsamer, dann kommt die Melodie besser zur Geltung.“ Was haben Sie jetzt? Information. Orientierung. Motivation. Das ist der Unterschied zwischen Rückmeldung und Urteil.
Genau deshalb arbeiten wir auch mit Kompetenzrastern. Kinder und deren Eltern sehen differenziert: „Addition im Zahlenraum 100 – sicher. Subtraktion mit Zehnerüberschreitung – in Entwicklung. Geometrische Formen erkennen – Grundkenntnisse vorhanden.“ Das ist keine Beschönigung. Das ist Präzision. Und es zeigt: Lernen ist keine Einbahnstraße. Es ist ein Weg mit vielen Stationen. Manche erreicht man früher, manche später. Aber alle sind Teil der Reise.
Zweimal im Jahr setzen wir uns zusammen: Kind, Eltern, Pädagog:innen. Das Besondere: Das Kind führt durch das Gespräch. Es zeigt, worauf es stolz ist. Es erzählt, wo es Schwierigkeiten hatte. Es formuliert, was es sich vorgenommen hat.Die Eltern hören zu. Die Pädagog:innen ergänzen. Aber das Kind steht im Mittelpunkt. Nicht die Note. Oft werden unsere Kompetenzraster als Hilfe, Ergänzung und Erklärung mitverwendet.
Wenn ein Kind eine Aufgabe löst, bekommt es nicht einfach „richtig“ oder „falsch„. Es bekommt Rückmeldung: „Du hast hier einen interessanten Lösungsweg gefunden. Schau dir nochmal diesen Schritt an – was könnte da noch passen? Und hier – versuch das nächste Mal, den Zwischenschritt aufzuschreiben oder genauer zu arbeiten, dann verlierst du den Überblick nicht.“ Das ist keine Weichspülerei. Das ist Lernbegleitung.Kein Überfall, sondern Prozess. Wir bereiten sie darauf vor. Emotional. Kognitiv. Wir sprechen darüber, was Noten sind – und was sie nicht sind. Wir üben, mit Rückmeldung umzugehen. Und vor allem: Wir sagen den Kindern immer wieder: „Eine Note ist eine Information über deine Leistung zu einem bestimmten Zeitpunkt. Sie ist nicht die Wahrheit über dich.“
Klarheit ohne Beschönigung: Warum ehrliches Feedback unverzichtbar ist

Manchmal entsteht ein Missverständnis: Wenn wir davon sprechen, Kinder nicht auf Noten zu reduzieren, bedeutet das nicht, dass wir alles schönreden. Im Gegenteil. Kinder brauchen Orientierung. Sie brauchen die Wahrheit – liebevoll formuliert, aber klar.
Wenn ein Kind Schwierigkeiten hat, wenn etwas noch nicht funktioniert, wenn es in Mathematik, Deutsch oder einem anderen Fach wirklich nicht weiterkommt – dann ist es unsere Aufgabe als Pädagog:innen, das sichtbar zu machen. Nicht als Urteil. Sondern als Beobachtung, die den nächsten Schritt ermöglicht.
Das gilt genauso für soziales Lernen. Teamfähigkeit, Geduld, Selbstkontrolle, Rücksicht, Kommunikation, Toleranz, Friedfertigkeit – all das sind Fähigkeiten, die im Kind angelegt sind, aber im Miteinander erst reifen müssen.
Kinder bringen das Potenzial mit, aber sie brauchen Räume, Vorbilder und Begleitung, um diese Kompetenzen zu entwickeln. Und wenn ein Kind andere permanent unterbricht, wenn es Konflikte nur mit körperlicher Gewalt löst, wenn es im gemeinsamen Arbeiten massiv stört oder Rücksicht im Alltag noch nicht gelingt – dann wäre es keine Unterstützung, das zu übersehen. Dann ist es unsere Verantwortung, das anzusprechen.
💡 Hintergrund: Die Kauai-Studie (Emmy Werner)
Das bedeutet:
- Wir sagen einem Kind, wenn es in Mathematik hinterherhinkt.
- Wir sagen ihm, wenn es im sozialen Miteinander noch lernen muss.
- Wir sagen ihm, wenn Ordnung, Sauberkeit, Verlässlichkeit noch Entwicklungsfelder sind.
📍 Der entscheidende Unterschied
Das ist keine Kuschelpädagogik. Das ist anspruchsvolle Beziehungsarbeit. Denn es bedeutet: hinschauen, benennen, begleiten. Nicht beschönigen. Nicht abwerten. Sondern präsent bleiben – auch wenn es unbequem wird.
Haim Omer, der Begründer der Neuen Autorität, nennt das wachsame Sorge: Ich sehe dich. Ich bleibe bei dir. Ich lasse dich nicht fallen. Aber ich lasse auch nicht zu, dass du dir selbst oder anderen schadest.
Was Sie nicht tun sollten
Vergleichen Sie nicht. Nicht mit Geschwistern. Nicht mit Nachbarskindern. Nicht mit sich selbst früher. Jedes Kind hat sein eigenes Tempo. Seine eigenen Stärken. Seine eigenen Herausforderungen. Vergleiche zerstören das Selbstwertgefühl – und sie helfen niemandem.
Bauen Sie keinen Druck auf. Kinder lernen nicht besser, wenn sie Angst haben. Sie lernen besser, wenn sie sich sicher fühlen. Wenn sie wissen: Ich darf Fehler machen. Ich darf scheitern. Ich werde trotzdem geliebt.
Reduzieren Sie Ihr Kind nicht auf Leistung. Fragen Sie nicht jeden Tag: „Was habt ihr heute gelernt?“ „Wie war die Schularbeit?“ „Hast du schon für die Probe geübt?“ Fragen Sie stattdessen: „Wie geht es dir?“ „Was war heute schön?“ „Worüber hast du gelacht?“ Zeigen Sie Ihrem Kind: Du bist interessant. Nicht nur deine Leistung.
Was Noten über uns verraten
Noten sind nicht neutral. Sie sind Ausdruck eines Menschenbildes. Sie sagen: Menschen sind vergleichbar. Leistung ist messbar. Es gibt besser und schlechter. Es gibt Gewinner und Verlierer.
Aber Kindheit ist kein Wettbewerb. Lernen ist keine Olympiade. Und Schule sollte kein Ort sein, an dem Kinder lernen, dass sie nur wertvoll sind, wenn sie performen.
An der Zeltgasse versuchen wir genau das. Nicht, weil wir gegen Leistung sind. Sondern weil wir für Entwicklung sind. Für Neugierde. Für die Freude am Lernen. Und weil wir wissen: Kinder, die sich gesehen fühlen – nicht als Notenträger, sondern als Menschen – lernen tiefer. Nachhaltiger. Freudvoller.
Ein letzter Gedanke für Sie
Sie können Ihrem Kind nicht alle Enttäuschungen ersparen. Nicht jeden schlechten Tag. Nicht jede schwierige Schularbeit. Aber Sie können ihm etwas anderes geben: Das Gefühl, dass es geliebt wird – unabhängig von Leistung.
Das ist keine Pädagogik. Das ist Menschlichkeit. Und genau die braucht Ihr Kind. Nicht nur in der Schule. Sondern fürs Leben.
Wenn Ihr Kind am Freitag nach Hause kommt, mit der Schulnachricht oder dem Zeugnis in der Hand – dann schauen Sie nicht zuerst auf das Papier. Schauen Sie auf Ihr Kind. Sehen Sie es an. Und sagen Sie: „Schön, dass du da bist.“
Alles andere kommt danach.
Sie möchten mehr darüber erfahren, wie wir in der OVS Zeltgasse mit Leistung umgehen? Wir laden Sie herzlich zu einem persönlichen Gespräch ein. Denn auch Elternschaft braucht manchmal Orientierung – jenseits von Zahlen.
Hattie, John (2013): Visible Learning. Routledge.
Hüther, Gerald (2016): Mit Freude lernen – ein Leben lang. Vandenhoeck & Ruprecht.
Omer, Haim / von Schlippe, Arist (2010): Stärke statt Macht. Neue Autorität in Familie, Schule und Gemeinde. Vandenhoeck & Ruprecht.
von Hentig, Hartmut (1996): Schule neu denken. Hanser.
Werner, Emmy E. / Smith, Ruth S. (1992): Overcoming the Odds: High Risk Children from Birth to Adulthood. Cornell University Press.
Winter, Felix (2015): Lerndialog statt Noten. Beltz.

