📍 Einblick in den Alltag
Es ist Dienstagmorgen, 7:45 Uhr. Eine Mutter zerrt ihr Kind durch die Garderobe. „Wir sind spät dran! Beeil dich!“ Das Kind bleibt stehen. Schaut die Mutter an. Sagt leise: „Mama, warum schreist du mich an? Du hast doch gesagt, Schreien tut weh.“
Die Mutter erstarrt. Das Kind hat recht.
Es gibt Momente in der Erziehung, die uns wie ein Blitzschlag treffen. Momente, in denen wir – mitten in unserer Rolle als Vermittler von Werten, Grenzen, Lebensweisheit – plötzlich merken: Das Kind hat uns gerade etwas beigebracht.

Über uns selbst. Über das Leben. Über das, was wirklich zählt. Und in genau diesem Moment kippt etwas. Die klare Hierarchie zwischen „Ich erziehe dich“ und „Du wirst erzogen“ löst sich auf. Nicht in Chaos. Sondern in etwas viel Radikaleres: Gegenseitigkeit.
Aber in einer Welt, in der Elternschaft zur Hochleistungsdisziplin geworden ist – in der wir optimieren, fördern, begleiten, reflektieren, bis wir selbst nicht mehr wissen, wer wir eigentlich sind – ist genau diese Gegenseitigkeit eine Provokation. Denn sie verlangt von uns, etwas aufzugeben, das wir uns mühsam erarbeitet haben: Kontrolle.
Die Erschöpfung der Perfektion
Seien wir ehrlich: Wir, die wir unsere Kinder in Schulen wie die Zeltgasse schicken, sind nicht irgendwelche Eltern. Wir haben uns informiert. Haben Artikel gelesen, Bücher gewälzt, Podcasts gehört. Wir kennen Jesper Juul, haben Remo Largo im Regal stehen, wissen, was „Neue Autorität“ bedeutet. Wir haben uns bewusst für eine Schule entschieden, die nicht „nur“ unterrichtet, sondern das Kind in seiner Gesamtheit sieht.
Wir meinen es verdammt gut. Aber genau darin liegt die Falle.

Wir müssen nicht nur „gute“ Eltern sein – wir müssen die besten sein. Wir müssen empathisch kommunizieren (GfK!), Grenzen setzen (aber liebevoll!), die Autonomie des Kindes achten (aber nicht zu viel Freiheit!), Bildschirmzeit limitieren (aber digital kompetent bleiben!), gesund kochen (aber ohne Druck!), Quality Time schaffen (aber nicht überengagiert sein!). Wir jonglieren. Permanent.
Kinder haben eine unheimliche Gabe: Sie sehen uns. Nicht die Rolle, die wir spielen. Nicht die Fassade. Sie sehen die Risse. Die Widersprüche. Die Momente, in denen wir nicht das leben, was wir predigen. Und genau darin liegt ihre größte pädagogische Kraft.
Die Weisheit der Unverbildeten
Der Psychologe Carl Rogers, Begründer der klientenzentrierten Therapie, sprach von der „organismischen Bewertung“ bei Kindern: Kinder haben ein intuitives Gespür dafür, was ihnen guttut und was nicht. Was authentisch ist und was gespielt. Sie sind – noch – nicht durch soziale Konventionen verbogen.
💡 Hintergrund: Die neuronale Offenheit

Wenn ein Kind sagt: „Du bist traurig, obwohl du lachst“, dann ist das keine Provokation. Es ist eine Diagnose. Wenn ein Kind fragt: „Warum müssen wir immer so viel machen?“, dann ist das keine Faulheit. Es ist eine philosophische Anfrage an unsere Lebensführung.
Und wenn wir – wir hochgebildeten, reflektierten, gut meinenden Eltern – bereit sind, wirklich hinzuhören, dann werden Kinder zu unseren klügsten Lehrmeistern. Nicht, weil sie mehr wissen. Sondern weil sie noch spüren.
Was Kinder uns lehren können
1. Präsenz statt Produktivität
Kinder verstehen nicht, warum wir beim Vorlesen auf die Uhr schauen. Warum wir beim Spielen nebenbei Mails checken. Sie lehren uns: Anwesenheit ist nicht Präsenz. Wenn ein Kind sagt: „Du bist gar nicht richtig da“, dann ist das ein Geschenk. Eine Einladung, aus dem Autopilot auszusteigen.
In der Zeltgasse arbeiten wir nach dem Churer Modell, das auf eigenverantwortlichem Lernen basiert. Aber eigenverantwortliches Lernen braucht eine Basis: verlässliche Beziehung. Nicht „Quality Time“ als Termin im Kalender. Sondern echte, ungeplante, unoptimierte Momente des Zusammenseins.
Kinder erinnern uns daran, dass das Leben kein Projekt ist. Dass Langeweile kreativ macht. Dass ein Nachmittag ohne Programm kein verlorener Nachmittag ist.

2. Ehrlichkeit statt Diplomatie
„Warum lügst du?“ Kinder nennen Dinge beim Namen. Wenn wir unserem Kind beibringen wollen, ehrlich zu sein, dann müssen wir es selbst sein. Carl Rogers nannte das „Kongruenz“ – die Übereinstimmung zwischen dem, was wir fühlen, und dem, was wir zeigen. Wenn wir zugeben: „Ich war gerade unfair. Es tut mir leid“ – dann lernen Kinder etwas viel Wertvolleres: Menschen dürfen Fehler machen.

3. Das Recht auf Langsamkeit
Der Soziologe Hartmut Rosa spricht von der „Beschleunigungsfalle„. Kinder brauchen keine durchoptimierte Kindheit. Sie brauchen Muße. Wenn ein Kind trödelt, ist das keine Sabotage. Es ist ein anderes Zeitempfinden. Eines, das wir verloren haben – und das wir dringend zurückgewinnen müssen.
In der Zeltgasse haben wir bewusst Freizeit ohne Durchorganisation. Nicht, weil wir faul sind. Sondern weil wir wissen: Entwicklung braucht Leere. Kreativität braucht Langeweile. Beziehung braucht Zeit, die nicht „effizient genutzt“ wird.
4. Die Kraft des Staunens
„Schau mal! Ein Käfer!“ Während wir schon beim nächsten Termin sind, lehrt uns das Kind die Fähigkeit, die Welt so zu sehen, als sähen wir sie zum ersten Mal. Der Philosoph Martin Buber unterschied zwischen „Ich-Es“ und „Ich-Du“. Kinder leben noch in der Begegnung. Sie laden uns ein, wieder zweckfrei zu leben.
Die Grenze: Verantwortung
Aber – und das ist entscheidend – es gibt eine Grenze. Kinder können uns lehren. Aber sie dürfen nicht die Verantwortung für uns übernehmen. In der Psychologie spricht man von „Parentifizierung„. Kinder werden uns spiegeln, aber sie dürfen keinesfalls unsere Therapeuten, unsere Partner oder unsere Projektionsfläche sein.
Kinder sind keine Projekte. Sie sind Menschen. Und wenn wir sie in besonderen Momenten als Lehrerinnen und Lehrer unseres eigenen Lebens anerkennen, dann nicht, weil sie uns „erziehen“ sollen – sondern weil wir bereit sind, mit ihnen zu wachsen.
Was das für unseren Alltag bedeutet
Die stille Revolution
Was wir hier beschreiben, ist eine Haltung. Die Haltung, dass Erziehung keine Einbahnstraße ist. Dass Elternschaft nicht bedeutet, die Rolle des Allwissenden zu spielen – sondern die Rolle des Mitgehenden. Jemand, der sagt: „Ich weiß auch nicht immer, wie es geht. Aber ich bin da. Und wir finden es gemeinsam heraus.“
Was Sie als Eltern tun können: Nicht die Rolle des Lehrers oder Projektmanagers spielen. Sondern: Zuhören. Wenn Ihr Kind Sie spiegelt. Dankbar sein. Denn niemand hält uns ehrlicher den Spiegel vor als unsere Kinder. Das ist keine Schwäche. Das ist Weisheit.

📚 Literatur & Vertiefung
- Rogers, Carl: Entwicklung der Persönlichkeit (Kongruenz und Empathie)
- Hüther, Gerald: Jedes Kind ist hochbegabt (Neurobiologie des Lernens)
- Rosa, Hartmut: Beschleunigung (Zeitsoziologie der Moderne)
- Buber, Martin: Ich und Du (Philosophie der Begegnung)
- Juul, Jesper: Dein kompetentes Kind (Gleichwürdigkeit statt Hierarchie)
Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, wie wir in der OVS Zeltgasse Beziehungslernen auf Augenhöhe gestalten – auch zwischen Erwachsenen und Kindern – laden wir Sie herzlich zu einem persönlichen Gespräch ein.
Wann hat Ihr Kind Ihnen das letzte Mal einen Spiegel vorgehalten, in den Sie erst nicht schauen wollten?